Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Ethische Eharakkerbit'der aus dem Talmud. Bortrag I., gehalten im Kasinosaale zu Mannheim auf Veranlassung des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur am 19. November 1892 von Dr. M. Steckelmacher, Stadt- und Conferenz Rabbiner. (Fortsetzung.) Was als Ideal eines Herzensbundes im talmudischen Judentum gegolten, ist in der bekannten Erzählung von R. Akiba und der Tochter des reichen Kalba Sabua ergreifend geschildert. Akiba stand bei diesem im Dienst als Rinderhirt. Da bemerkte bei ihm die Tochter Sabua's eine höhere Begabung. Sie verlobte sich mit ihm unter der Bedingung, daß er ein Lehrhaus aufsuche. Wie das der Vater erfuhr, vertrieb er seine Tochter. Akiba aber war in ein Lehrhaus gegangen. Nach einer Reihe entbehrungsvoller Jahre erschien er, gefolgt von unzähligen Jüngern, als gehörter Meister in dem Orte seines Schwiegervaters. Alles strömte herbei, um den wunderbaren Mann zu sehen. Auch seiner Verlobten gelang eS endlich, sich durch die Massen einen Weg zu bahnen. Aber ach! wie sie die Hand ihres Akiba fassen will, wollen dessen Jünger die ärmlich Gekleidete wegstoßen. Lasset sie! — rief Akiba — lasset sie! Denn was ich und was ihr geworden: der unerschütterlichen Liebe dieser Edlen ist es zu danken. (Kethub. ti2, Nedar. 50)1). Von Akiba's Tochter wird folgender, die Tugend der Wohltätigkeit verherrlichender Zug erzählt. Die Erzählung will zugleich die Bedeutungslosigkeit aller astrologischen Vorhersagungen dartun. Chaldäer hatten nämlich der Tochter Akiba's prophezeit, daß sie an dem Tage, an dem sie unter den Tranhimmel schreiten werde, durch Schlangenbiß werde sterben müssen. Der Tag war herangekommen. Zufällig aber hatte die Braut des Abends in die Mauer ihres Ge* machs eine Schmucknadel gesteckt; und da sie dieselbe wieder herauszog, schleppte sich eine tote Schlange mit durchstochenem Auge nach. Durch welches Verdienst, fragte der Vater, entkamst du wohl der schrecklichen Gefahr? „Des Abends," erwiderte die Tochter, „als Alles dem Gastmahle eifrig zusprach, kam ein Armer an die Tür, doch Niemand achtete seiner. Da stand ich auf und gab ihm — unbemerkt — mein Teil." Du hast recht getan, meine Tochter, sprach Akiba und er wendete darauf den Schriftvers an: „Wohltätigkeit errettet vom Tode." (Sabb. 156.) Ein anderer ähnlicher Fall. Ein götzendienerischer Astrolog unterhielt sich mit dem Astronomen Samuel. Da sahen sie Leute zum Teiche gehen, um Schilf zu holen. „Dieser dort, sprach der Astrolog, auf einen der Männer deutend, wird ') Bgl. auch das abfällige Urteil des Talmud über die sogenannten „Geldheiraten". „Wer eine Frau lediglich des Geldes wegen heiratet, wird ungeratene Kinder haben, wie es heißt: „„Gegen den Herrn waren sie treulos, darum bekamen sie unächte Kinder."" (Hoj. 5, 7.) Meinst du etwa, er werde das Geld retten? Darum heißt es weiter daselbst: „Nun soll sie ein Monat samt all ihrem Teil verzehren", d. h. die gesteigerten Ansprüche an das Leben werden in Kürze den Zusammenbruch der Herrlichkeit bewirken.