Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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101 wohl auch vielfach, daß in dem kaiserlichen Handschreiben über diese Frage, in dem die Offenbarungslehre aus frommem und tiefem Selbstempfinden behandelt wird, zu lesen steht: es schade nichts, wenn durch Forschungen und Ausgrabungen auch „viel von dem Nimbus des auserwählten Volks" verloren gehe, den das alte Testament diesem verleihe? „Der Kern und Inhalt bleibt immer derselbe, Gott und Sein Wirken." Der Accent der Ausführungen Kaiser Wilhelms liegt, ohneeine verletzende Spitze in den ersten Satz bringen zu wollen, ausschließlich auf dem zweiten, daneben aber bleibt zu Recht bestehen, daß alle Angehörigen dieses „auserwählten" Volkes, deren Vorfahren den Offenbarungsglauben durch Martyrien voll grellster und stiller Tragik hindurch geführt haben, — nicht stolz — aber froh und dankbar sein dürfen im Bewußtsein dieser Zugehörigkeit und ihrer Pflichten. Wie nun diese „Auserwähltheit" in Sinn und Gemüt eines gleichfalls frommen Christen sich vor Jahrhunderten darstellte, zeigen die folgenden Sätze, die den Streit um das Offenbarungsvolk in Verbindung mit dem daraus erwachsenen über die Wesenheit Jesu von Nazareth in ihrer selbstsicheren Art begleiten dürfen. '^Der sie niederschrieb ist den Kennern der Resormationsgeschichte ein vertrauter Mann und das Werk in dem sie stehen, hat man „das gute Gewissen der Reformationszeit" genannt, aber wer auch nur aus Gustav Freytag's „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" das Zusammensein Martin Luther's mit zwei Schweizer Studenten im Schwarzen Bären zu Jena kennt, der weiß, daß Johannes Keßler ein treuherziger und feinfühliger Mann war und daß die „Sabbata", aus der Gustav Freytag nlitteilte, ein anheimelndes Buch sein muß. Es ist eine Chronik der Jahre 1523—1539 und trägt seinen Namen, weil Keßler der als Handwerker, Lehrer und Prediger in seiner Heimat St. Gallen wirkte, es an Sabbaten, an Feiertagen und an Feierabenden, verfaßt hat. Und darin lesen wir denn, in einer Partie, die von Christus handelt: Gott sprach zu Abraham: dieses Land wolle er ihm und seinem Samen geben „und in dinem somen sollen alle vvlcker gebenedyet werden, das ist, Christus des wibs sommen, der welt Hayland sol von dinem geblut oder stammen geboren werden, umb welcher offenbaren und dutlichen Versprechung willen wirk von den evangelifteu -Matthäus 1, Römerbrief 4) Christus ain son (das ist) ain geborner von Abraham genennet." „Abraham", sagt Keßler weiterhin, habe das Zeichen der Beschneidung zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, weil er Gottes Verheißung geglaubt habe, empfangen und Gott habe sich ihm dahin verbündet, daß er seines und seines Samens Gott sein wolle „und liesz och zu merem urkund sin secret und insigel in iren aigen flaisch trucken, damit sy für alle andere volcker vrzaichnet ain losung oder kry haben, das sy der stam und das volck sye, von dem man den somen Christum erwarten soll, und der stam sollicheu wegs nitt widerumb vermengt und verloren werden mocht." Aus dem 49. Kapitel der Genesis erhelle, das Christus aus dem Stamme Juda geboren werden solle, und aus dieser Auffassung von dem Zwecke des Daseins