Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1903)
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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55 die traurige Zeit, in welcher man aus dem Schekel den Fiscus judaicus gemacht und den Israeliten den Zwang auferlegt hat, den halben Schekel doch zu geben, aber nicht mehr für ihren Tempel?) Nun, Gott sei Dank, der Fiscus judaicus ist weg. Der halbe Schekel kann zwar dem Heiligtum auch nicht mehr entrichtet werden; doch haben unsere Weisen es für recht befunden, so oft der Sabbath kommt, der dem Purimfest als erster vorangeht, die Gemeinde wieder erinnert werden soll an die Psticht, die in der Schekelsteuer ausgesprochen ist. Ja, drei Dinge sind uns heute verlesen worden; alle drei aber sind nicht mehr da: Wir haben keinen Tempel, wir haben kein Neumondsopfer, wir haben keine Schekelstener, und die Sühne, die das Heiligtum bringen sollte, die Sühne, die das Opfer bringen sollte, die Sühne, die die Schekelsteuer bringen sollte, sie sind nicht mehr da. Da wird die Frage sich leicht den Lernbegierigen aufwerfen: Hat denn die jüdische Religion noch andere Sühnemittel? Kann das Judentum bestehen ohne Tempel, ohne Opfer, ohne Schekelsteuer? Kann die Religion bestehen, die so innig verquickt war mit allen diesen äußeren Erscheinungen, auch beim dollen Wegfall derselben? Die Frage ist alt. Es stellte sie einst ein weinender Schüler auf, als er die Ruine des Tempels sah. Da gab ihm sein Lehrer die Antwort: Mein Kind warum weinst du, glaubst du, daß keine Sühne der Sünden mehr möglich ist? Denke doch an die Worte deines Gottes (Prov. 16. 61): bechesed weemeth jechupar owon. Durch wahrhafte Liebestätigkeit wird alle Sünde gesühnt! Denke doch an das Wort: chesed chofazti welo sebach. Liebe will ich und kein Opfer! Denke an das Wort: morom wekodosch ani. Erhaben und heilig bin ich und wohne bei dem, der gebeugten Herzens ist und dürftigen Geistes, lehachjoth lew nidkuim (Jesa. 57. 15 ), um zu beleben das Herz derer, die von dem Leid tief gedrückt sind. Geh mein Kind, übe Liebeswerke und Gott wird alle Sünden sühnen?) Meine Teuren! Diese Antwort jenes Meisters im Anblicke der Ruinen, sie redet Bände von dem, was die israelitische Religion lehrt, und darum ipollen wir uns diese ihre Lehre an zwei Worten klar machen, an dem Wort: becbesebed weemeth jechupar uwon durch wahrhafte Liebe wird jede Sünde gesühnt. Meine Teuren! Unsere Thora, die ursprüngliche Schrift, die da bekundet die Gedanken, die in unserer Mitte als Religion gelehrt wurden, sie fängt an mit der Erzählung von der Erschaffung der Welt und endet mit der Erzählung von dem Tode Moses, den Gott begraben habe und dessen Grab niemand mehr wisse. Unsere Lehrer erklärten uns den Anfang und das Ende und sagten: Anfang der Thora ist Liebestätigkeit des schöpferischen Gottes, der erst seine Welt so gebaut hat, damit die zuletzt geschaffenen Tiere und Menschen das vorfinden, was sie zu b Mconer, Geschichte der Juden, S. 26. b Aboth dir Nathan, Abschnitt 4; Hamburger- Encqclopädie, T. 2, S. 466, 471.