Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1903)
- Date
- 1903-03-01
- Page
- Seite 53 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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53 Die Gebote Gottes sind gerade» aber diese Menschensahung, die sich als göttlich ausgibt, ist krumm und wirr und verschnörkelt, sind „Gesetze, die nicht gut sind und Ordnungen, bei denen sich nicht leben läßt." Da wird der Segen Gottes durch Menschenwerk in Fluch gewandelt und die Frömmigkeit wird zu einem schweren Frohn, und es bleibt vor lauter religiösen Übungen kaum noch Platz zu weltlicher Arbeit, geschweige den» zu einem frohen Lebensgenuß. Das Gebet, die Erlösung und Erhebung der Seele, wird zu einem gedankenlosen und gefühllosen Lippenwerke und unterscheidet sich noch heute in vielen Synagogen besonders an Werktagen nicht viel von den Leistungen jener Gebetmaschinen, mit denen barbarische, des Lesens unkundige Völker ihrem Gott zu dienen meinen. Die Masse der Gebete ist da die Hauptsache; die Andacht muß von dieser Überfülle unzweifelhaft erstickt werden. Allerdings ist es in den letzten Jahrzehnten vielfach besser geworden. Manche Israeliten sind davon zurückgekommen, einen Brauch, der im Dunkel der Un» kultur entstanden ist, oder auf den Einfall eines überspannten Einsiedlers zurückznführen ist, in eine Linie zu stellen mit mosaischer Satzung und Lehre. Aber die Schar ist verschwindend klein gegenüber den Massen, die noch heute das Denken für gottlos halten und der Parole folgen: „Hören sollt ihr und sollt nicht verstehen". „Der Segen derer, die hören, die verstehen und darum gehorchen"'), ist iinmer noch selten genug. Der deutsche Dichter hat einmal den Kampf der Wahrheit auf Erden mit der Fahrt des Schiffes verglichen, das die Fluten des Meeres durchschneidet. Für einen Moment teilt es die Wogen des Meeres, dann aber, hinter seinem Kiel, schlagen die Wogen wieder zusammen, als sei nichts geschehen. Man muß zugeben, daß, wer die Wahrheit heiß und innig liebt, häufig Veranlassung hat, zu verzagen. Die Fackel, die strahlen soll, sie zündet in der Hand des Blöden, der Segen wird zum Fluche. Wem Religion, Aufklärung, Menschenliebe innig verwandte Begriffe sind, den wird es tief betrüben, daß die Religion Vielen ^in Werkzeug ist, Haß zu stiften und die Geister zu veröden. Aber er wird es als seine heilige Aufgabe betrachten, nicht nur still für sich nach Erkenntnis zu streben und seine religiösen Begriffe aufzuklären, sondern auch vor der Welt zu bekennen, was sein Nachdenken ihn gelehrt, er wird sich vor allem vor dem Fehler hüten, den der Prophet rügt: „Sie sprechen, so hat Gott geredet und Gott hat gar nicht gesprochen." Das ist die „Tünche des Truges", wenn Satzungen als göttlich bezeichnet werden, deren rein menschlicher Ursprung dem Forscher sich leicht ergibt. Erst dann, wenn die Religion des Rostes und Staubes ledig ist, wird sich ihr Segen völlig offenbaren, erst dann kann die Lehre Israels ihren Beruf erfüllen und zum Segen für alle Völker werden. — •) 5. M. 11»