Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Durchschnitte bedeutender, der Brustumfang hingegen, absolut und relativ im Verhältnis zur Körperlänge genommen, ein viel kleinerer als bei Nichtjuden ist. Der russische Sozialökonom Gubbotin entwirft ein schauerliches Bild von den Wohnungsverhältnissen der Juden in Rußland mit den Worten: „Als wir uns zum ersten Male einer solchen Behausung näherten, da ahnten wir von letzterer nichts; wir sahen vor uns ein großes Loch, halb mit verfaulten Brettern bedeckt; ringsherum lagen Gemüseabfälle, Lumpen, Fischgeräte rc. Aufangs glaubten wir, das sei eine Senkgrube, es ergab sich aber, daß dies der Eingang zur Behausung intelligenter Geschöpfe sei. Auf andere Weise konnte man aber in diese Behausung nicht gelangen. Wir mußten in gebückter Stellung rutschend hiuuntersteigen, wobei unsere Kleider ganz schmutzig wurden. Nachdem wir 18 Stufen hinuntergestiegen, wurden wir eine Höhle gewahr von 5 Arschin (4 Meter) 3 Arschin (21/* Meter) Breite, nur spärlich durch eine schornsteinähnliche Oeffnuug, die bis zum Hofpflaster reichte, beleuchtet." Wenn auch diese Schilderung nicht vollinhaltlich von allen Ghettowohnungen gilt, so bleibt doch feststehend, was Anatole Leroy-Beaulieu über die Lage der russischen Juden schreibt: „Unter allen Völkerschaften des großen russischen Reiches habe ich nichts Elenderes gesehen als die armen Juden, die in ihren langen Röcken und hohen Stiefeln ohne Rast und Rnh durch die Straßen herumschwirren, auf der Suche nach irgend einer Arbeit. Man spricht jetzt viel von der Hebung des Proletariats und einer Ausbesserung der sozialen Lage; ich darf behaupten, daß in unserem Europa es nichts Aermeres giebt, nichts was sich schwerer sein trockenes Brod verdienen muß als neun Zehntel der russischen Juden." Herr Dr. med. Mandelstamm, der der Hygiene der russischen Juden neuerdings seine besondere Aufmerksamkeit zuwendet, meint, es gäbe kein Volk, an welchem sich Jnanitionsversuche (Aushungerungsversuche) und Versuche über Licht- und Luftentziehung bequemer anstellen ließen als an den Ghettojuden in Rußland. Wo sich die äußeren Verhältnisse günstiger gestalten, ist auch eine Wendung zum Besseren zu verzeichnen, wie man an den Ackerbauern im Chersonschen und Ekaterinoslawschen, an den Flößern in Pinsk und an den Hafenarbeitern in Odessa sehen kann, welche wegen ihrer Bewegung in freier Luft und durch Entwickelung ihrer Muskelkraft ungleich gesünder und rüstiger als ihre Glaubensgenossen sind, welche infolge ungünstiger Verhältnisse in enormer Zahl der Tuberkulose verfallen. Nirgends grassirt das Trachom, diese ansteckende ägyptische Augenkrankheit mehr, als im Ghetto, von der häufig ganze Familien befallen werden. Es ist noch ein Glück zu nennen, daß diese armen Juden nicht Alkoholiker sind und durch ihre Religion zur Mäßigkeit angeleitet werden. Es ist ein Verdienst des Herrn Dr. med. Martin Englaender, prakt. Arzt in Wien, ergänzend zu dem Besagten in einem Vortrage: „Die auffallend häufigen Krankheitserscheinungeu der jüdischen Rasse" (Wien 1902, Verlag von I. Pollak) auch diesen Punkt bei den Juden im Westen auf Grund von statistischen Berichten und Beobachtungen hervorragender Fachmänner, wie Krafft-Ebing,