Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98 Marco Motara — mit seinem hebräischen Namen Mordechaj^) — entstammte einer spanischen Familie, die den Namen Morteira-Mortara trug und erblickte das Licht der Welt in dem Dorf Viadana, unweit der durch Andreas Hofer auch in der deutschen Litteratur und Geschichte bekannten italienischen Stadt Maritug.. Und fürwahr etwas von dem Geiste Andreas Hofers war in Mortara Zeit seines Lebens zu verspüren. Ein unbeugsamer Wille, eine glühende Liebe zum Judentüm und zur Wissenschaft des 'Judentums erfüllte ihn von seinen Kindeszeiten bis zu seinem letzten Atemzuge. Daß der Grund hiezu im Elternhause gelegt wurde, muß nicht erst betont werden. In der Familie liegen die Wurzeln der sittlichen Kraft, die wir im Leben erlangen- und ein günstiger Stern waltete über unseren Mortara; denn kaum hatte er das dreizehnte Lebensjahr überschritten, so wurde das Collegio rabbmico (Rabbinerseminar) in Padova (Padua) unter der Leitung des unsterblichen Samuel David Luzzatto eröffnet und einer der ersten Zöglinge war Marco Mortara. Die Fortschritte, die er in jeder Richtung machte, waren außergewöhnliche, denn schon im Alter vom 21 Jahren erhielt er von dem strengen Examinatoren S. D. Luzzatto und Lelio dela Torre sein Rabbinatsdiplom summa cum laude. Im Jahre 1836 hatte er den Rabbiner-Titel; da er aber vom Hause aus wohlhabend, der einzige Sohn seiner Eltern war und weder er seine Eltern verlassen, noch diese ihren geliebten Sohn missen wollten, lebte er — eine echte Gelehrten- Natur, die er war — ausschließlich seinen Studien und bereitete sich so würdig zu seinem hohen Berufe vor. Im Jahre 1842 wurde der 27jährige junge Mann zum Oberrabbiuer der altehrwürdigen jüdischen Gemeinde Mantua ernannt, in der Gemeinde, die durch Männer wie Azarja de Rossi3) einen Weltruhm auch bei nichtjüdischen Gelehrten erlangt hat. Marco Mortara war vom Mai 1842 bis zum 2. Februar 1894 ununterbrochen Oberrabbiner seiner Vaterstadt und bewies durch sein musterhaftes, makelloses Leben, daß man auch im Heimatlande in der Vaterstadt anerkannt werden könne, strafte also das Wort des X. T.: Nemo propheta in patria Lüge. Allerdings war Marco Mortara kein Prophet, aber er war — UM einen Ausspruch unserer talmudischen Weisen auszuführen — ein Weiser, der einem die Zukunft voraussagenden Propheten vorzuziehen — ein wahrhaft weiser Mann, bei dem kritische Forschung, Gelehrsamkeit und Frömmigkeit sich innig mit einander gesellten. Nur so war es ihm möglich, volle 52 Jahre in seiner Vaterstadt segensreich zu wirken. Gleich bei seinem Amtsantritte fand er das Gotteshaus der jüdischen Großgemeinde Mantua unwürdig, und seinem beredten Munde, seinem dem Herzen °) Der Name Mordechaj ist eigentlich assyrisch-babylonisch und rührt von den assyrischbabylonischen Gdttheit Marduk der. 3) Pgl. meine Studie über Azarja de Rossi in M. Roest’s Letterbode XI (1886) p. 151—156. - Grundlegend jedoch waren nach Zunz'Arbeiten die Cenni sull’ terremoto de Ferrara del 1570 e sulla famiglia del Rabbino Azarjah de Rossi in Corriere lsraelitico 1863 p. 121 ff.