Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 1 Gestalt des großen Gesetzgebers, die von der Sage über alles menschliche Maß hinausgehoben und verklärt wird und aus dem Sohne Amrams wird der König der guten Geister, der bei Beschwörungen der bösen hilfreich naht. Doch die biblischen Eharaktergestalten in arabischem Gewände darzustellen, würde eine allerdings überaus interessante und fesselnde, aber zu große Aufgabe sein. Wir haben heute unseren Blick abgelenkt von dem Leben der Gegenwart und uns versetzt in glücklichere Tage unseres Stammes. Aber den Vorurteilen gegen ein in Sitten und Bräuchen fremdes Volk sind wir auch hier begegnet. Es ist, als ob in der unwissenden Menge aller Zeiten und aller Völker eine unvertilgbare Abneigung gegen fremde Volkseigentümlichkeiten lebte. Das Vorurteil gegen uns scheint ewig wie unser Volk. Das Judentum wird stets ein Geheimnis, ein Rätsel, ein Problem, ein großes Fragezeichen bleiben für die Fernerstehenden. Ihr Auge sieht bei uns nur die Schattenseiten, nicht das Gute, die Lichtseiten. Auch der beste Mensch, sagt Lessing, der große Verkündiger des Evangeliums der Toleranz hat noch viel Böses, und das Schlimmste ist nicht ohne alles Gute. Was aber unsere Aufgabe sein muß, unser hohes Ziel, das wir nie aus den Augen verlieren dürfen, das sagt uns jener herrliche, die reinste Menschenliebe atmende- Spruch: „Mögen sie fluchen, wir wollen segnen." Arbeite jeder an seinem Teile, an seiner sittlichen und geistigen Veredelung, eifre jeder seiner von Vorurteilen unbestochenen Liebe nach, dann wird einst aus dem dichten Nebel der Vorurteile die strahlende Sonne gegenseitiger Duldung und Geistesfreiheit erglänzen,^ dann wird in sich erfüllen der sehnsüchtige Wunsch des Dichters, mit dessen zu Lessings hundertjährigem Todestage geschriebenen Versen ich schließe : Es öffnet die „Königin der Nacht" Die hohe, wunderbare, Der purpurschimmernden Blüten Pracht Nur alle hundert Jahre; Und kluge Kunde längst erscholl: Wenn sich ihr Kelch entfalten, Der keusche, düftereiche — soll, Daß'ringsumher geheimnisvoll Muß nächtige Stille walten- Und Er, deß Name die weite Welt Erfüllt mit seinem Ruhme, Sollt gleichen nicht der Dichterheld Der herrlichen Königsblume?! Wir harren an seinem Sarkophag, Die Seele bangt in Thränen: ' Ob wohl der Auferstehungstag