Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- Seite 274 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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274 ein Bücherschrank in Fichtenholz mit fünf Fächern, ein alter Koffer, ein kleines Schachbrett, jeine Handmühle, enige Instrumente, darunter ei» Paar Vergrößerungsgläser, aber in schlechtem Zustande, auch einige Glasstücke und blecherne Büchsen." <>n seinem Zimmer an der Pavilionengracht im Haag haben diese Tinge sich befunden; bedürfnislos hat er hier gelebt, das Nötigste für den Unterhalt durch das Schleifen von Gläsern und andere Arbeiten aus dem Gebiete der Lp ik sieh erwerbend. Er kam fast nie heraus, und sein einziger da»- ernder Berkehr war der mit dem biederen Hauswirt vau Spyk. Ueber das, was er in seinen Arbeitsstunden gedacht hat, liegen uns deutliche Zeugnisse in seinen Schriften vor; bei keinem Philosophen aber dürfte es so schwer sein, wie bei Spinoza, ans de» Schriften auch ans die Gedankenkreise zu schließen, die er nicht ans sieh selbst, sondern ans der Lektüre schöpfte. Man hat oft gemeint, Spinoza habe wenig gelesen und hat diese Meinung durch den in sich geschlossenen Ban und deduktiven Charakter seines Systems nicht schwer begründen zu können geglaubt. Das> ist ein Irrtum. Spinoza hat viel gelesen, und der nun veröffentlichte ausführliche Katalog seiner Bibliothek giebt uns einen deutlichen Einblick in die Richtung, in der sieh seine Lektüre bewegt heit. Reich ist die sprachliche Abteilung ansgestattet, war doch.Spinoza in den meisten litterarisch einigermaßen bedeutenden Sprachen bewandert; er verstand das Hebräische, Ehaldäische, Tentsehe, Flämische, Portugiesische, Spanische, Italienische und selbstverständlich auch das Lateinische. Daß er auch des Französischen mächtig gewesen sei, ist wahrscheinlich,! aber merkwürdigerweise nicht zu erweise». Das Griechische hat er verhältiiisnjäßig spät gelernt. Es ist natürlich, das; in der Bibliothek eines Mannes, der -zu der eigenartigsten und tiesste» Auslassung des Gottesbegriffs dnrchgedrnngeh ist, die. Theologie einen breiten Platz einnahm. Neben den tal- »»tdischen Schriften und den Koinmentaren dazu, finden wir zahlreiche Ausgaben der Bibel und besonders des neuen Testamentes. Auch modernere Theologen sind vertreten/ so Ealvin- Bon den Philosophen hat ohne Zweifel Cartesins am tieffte» ans ihn gewirkt. Sein Biograph Colerns berichtet, daß er die Schriften des Ifranzösischen Philosophen „mit Begier" gelesen habe. Dem entspricht die Tyatsache, daß Deseartes Schriften fast alle, einzelne sogar in mehreren Ausgaben, in der Bibliothek zu finden sind. Daneben ist die übrige philosophische sLitteratur sehr gering vertreten, von dem griechischen Dreigestirn wollte er bekchintlich wenig wissen: „Die Autorität des Plato, Aristoteles und Sokrates gilt mir wenig". Merkwürdig ist, daß Spinoza eine große Reihe medizinischer Bücher besessen hat; man hat wohl nicht Unrecht zu glauben, daß er hier weniger für die philosophischen Studie» Anregnng, als für seine stets schwankende Gesundheit gute Ratschläge gesucht habe. Erklärlicher ist der starke Anteil, den physikalisch-astronomische Bücher an seiner Bibliothek gehabt haben, in diesen Büchern mochte er die Idee von der strengen Gesetzmüßigkeit alles Geschehens, die er theoretisch in seiner Ethik begründete, mit Freuden handgreislieh erwiesen sehen. Ebenso ist es selbstverständlich, daß die Politik in hervorstechendem Maße vertreten ist: .Maechiavell, Hobbes, Thomas, Morus, Grotiüs; dann Julius Eäsar, Taeitus, Livins. Die letzteren drei leiten hinüber zu einer Abteilung, deren Inhalt mehr den Stunden der Ausspannung gedient haben mag: der schönen Litteratur. Das Altertum giebt den Hauptbestandteil ab: mir finden Homer, Ho reiz, Virgil, Ovid, Seneea, Plautus, auch Petrou und sogar die Dialoge des Lucian; aus moderneren Zeiten Petrarka und sogar die „moralischen Novellen" des Cervantes, während der Don Quixote