Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bedeutsamsten, das in allen Richtungen des Geisteslebens und der Thatkraft seine Vorgänger glänzend überstrahlt, das vor Allem uns Deutschen den langersehnten Segen der Einheit gegeben — stehen wir, die Deutschen, jüdischen Bekenntnisses und Ursprungs, in den Augen einer leider großen Mehrzahl unserer Volksgenossen als geächtet und gemieden, als Fremde und Eindringlinge da, müssen wir Dinge erleben, die uns vor einem Menschenalter noch als Unmöglichkeiten, als Erinnerungen an längst verklungene, diesseits verziehene, jenseits beklagte Grausamkeiten verschollener, düstrer Jahrhunderte erschienen wären. Heute geben uns' tagtäglich fast die gelesensten Zeitungen, selbst solche, die ans Staatsmitteln erhalten, von Staatsbeamten geleitet, für mindestens halbamtlich erklärt werden, Anschauungen über Juden und Judentum zum Besten, bei deren Lesung ein ehrlicher Jude vor Scham erröten müßte, wenn er nicht die gewissenhafte Ueberzeugung in sich trüge, daß hier im besten Falle Unkenntnis, wo nicht Vorurteil und vorgefaßte Meinung übertreibe, der Gesamtheit die Verschuldung, der Religionsgemeinschaft das religionswidrige Verhalten Einzelner zur Last lege. Und diese täglichen Nadelstiche und Keulenschläge gegen Juden und Judengenossen, Judentum und Semitentum, gegen die „deren Kinder keinen christlichen Religionsunterricht genießen," gegen die nach Backenknochen, Nasenform, Haarfarbe, Handbewegung und Fußbiegung gegeißelten, orientalischen Fremdlinge verübt — sie dringen ein in die Leserkreise, sie stoßen dort auf einen bereits anderwürtsher für derartige Verhetzungen wohlvorbereiteten Leserkreis, sie schmeicheln der „Volksseele" sie entlocken ihr ein „pharisäisches" Dankgebet, daß sie nicht sei wie jene, sie schüren den Haß, sie wecken und nähren die Begehrlichkeit, sie schmeicheln dem Dünkel, erregen den Neid, steigern die Unzufriedenheit und wälzen Holzstoß auf Holzstoß zu dem Scheiterhaufen, auf welchem die Inden — wenn auch nicht körperlich, fo doch geistig, moralisch, gesellschaftlich, gewerblich verbrannl werden sollen. Wohl mag böser Wille vielfach hierbei im Spiele sein. Aber ich lasse mir meinen unverwüstlichen Optimismus, meinen Glauben an die Güte der Menschennatur, geschöpft aus jüdische» Religionsquellen, nur ungern rauben. So verdüstert, so verbittert, so fragwürdig er durch die nun bald fünfzehnjährigen trüben Erfahrungen mir oft erscheint, ich halte fest daran: Gott erschuf — so lauten die jüdischen Quellen und Auffassungen — den Menschen gerade und gut, die Menschennatur ist von Haus aus gerecht, es giebt keine Erbsünde. Und darum, meine ich: Der Grundzug dieses Hasses und dieser Hetze ist Unkenntnis, Unverstand, Mangel an Verständnis. „Uild der Herr verwirrte ihre Sprache, sodaß keiner den Andern verstand," die drastische Sage vom babilonischen Thurmbau ist bezeichnend auch für unsere Zeit, ihre Parteiungen und Feindseligkeiten. Wir haben es so herrlich weit gebracht in Erfindungen und in wissenschaftlichen Erörterungen aller Art, der Geist und Forscherblick hat die nach Zeit und Raum entlegensten Fernen uns nahe gerückt — aber das Nächstliegende, der Mensch dem Menschen steht sich heute fremder gegenüber, als zuvor. Die Sprache der Zeitgenossen, auch der Volksgenossen, ist verwirrt, es versteht der Eine nicht den Andern. Da höhnt und spottet, da wütet und klagt, da witzelt und lacht, da richtet und urteilt man über Juden und Judentum. Was ein Mensch christlichen