Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1892)
- Date
- 1892-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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same Legenden, denen der kleine begierig lauschte. Noch lieber aber gingen sie in der Stadt umher oder hinaus auf das Land, der alte^Burschtin Immer auf seinen Krückstock gestützt und die linke Hand in dem Gürtel des^kleinen Nathanle, der vor ihm dahinschritt und ihm über alles berichtete, was ihm der Aufmerksamkeit wert erschien, während der blinde Greis an jede dieser Mitteilungen irgend eine Bemerkung oder Lehre knüpfte. Und dabei war Burschtin immer guter Dinge. Sein Unglück schien ihn in keiner Weise zu bedrücken. Ja, ich habe selten einen so jovialen Alten gesehen. Wenn ich mich seiner erinnere, so erscheint mir sein kleines mit Runzeln bedecktes Patriarchengesicht jederzeit lachend, und ich höre seine Stinime hell und scherzend, an eine fröhliche Kinderstimme mahnend. Und doch war es echte goldene Weisheit, welche Burschtin dem kleinen Nathanle in seiner fröhlichen schalkhaften Weise zum besten gab. Nathanle fand einmal zwei schöne Birnen unter einem Baume liegen und gab die größere einem kleinen Mädchen, das zur Seite stand mit einer stummen Bitte in den klugen schwarzen Augen. Sofort belobte ihn^Burschtin und sprach: „Du hast recht gethan, Nathanle. Höre, was ich dir sagen will. Rabbi Jochanan ben Sakkai hatte fünf Jünger. Elieser, Josua, Jose, Simon, Eleasar. Einst sprach der Meister: Ratet! Wie heißt das höchste Gut, nach dem die Menschen trachten sollen? Elieser sagte: „Ein gutes Auge." Josua: „Ein guter Freund." Jose: „Ein guter Nachbar." Simon: „Vorsicht." Eleasar: „Ein gutes Herz." Hierauf sagte der Meister: „Eleasar hat die beste Antwort gegeben, denn ein gutes Herz begreift alle Giiter in sich." Ein ander Mal begegnete ihnen ein Handwerksbursche. „Soll ich ihn grüßen?" fragte Nathanle. „Gewiß sollst du ihn grüßen," erwiderte der alte Burschtin, „denn morgen kann er Kreishauptmann sein. Bei Gott ist alles möglich. Achte niemand gering und halte nichts für unmöglich. Jeder Mensch hat seine Stunde, jedes Ding hat seinen Ort." Einmal standen sie an einem Bach, in dem verschiedene Fische zu sehen waren. „Wie gerne möchte ich sie fangen," sagte Nathanle. „Wozu willst du sie fangen?" erwiderte der Alte. „Es ist besser kein Tier zu töten. Kannst du wissen, ob die Tiergestalt nicht eine Menschenseele birgt?" „Kann denn ein Mensch in ein Tier verwandelt werden?" fragte Nathanle erstaunt. „Gewiß," erwiderte der alte Burschtin. „Vor mehr als hundertsJahren lebte in Tlußty im Tschortkower Kreise ein Mann namens Israel Balschem, welcher ein großer Weiser war und das Buch der Sitten Sepher-Hamidoth verfaßt hat und dasselbe in Taschenformat drucken ließ, damit es jeder bei sich trage und sich allenthalben daraus belehren könne. ' Dieser weise Mann wurde von seinen Schülern Bescht genannt, was einen Mann, von großem Rufe bedeutet und einen Mann, der durch den heiligen Namen Gottes und der Engel Wunder zu wirken vermag. Dieser Bescht kam eines Tages zu einem Manne, in dessen Stall er ein schönes Pferd sah. Sein Wirt zeigte ihm dann im Laufe des Gesprächs einen Schuldschein, der von einem längst verstorbenen Juden ausgestellt war. Der Bescht bat den Mann ihm diesen Schuldschein zu schenken. Lächelnd willfahrte der Mann seiner Bitte. Da zerriß der Bescht den Schuldschein, warf