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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-09-01 · Heft 9 (1.9.1892) · p. Seite 203

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 9 (1.9.1892)
Date
1892-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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203 siebenfach geläuterten Scharfsinn und die gediegenen Fachkenntnisse des Dahingeschiedenen, womit derselbe im Leben die rabbinische Disziplin so meisterhaft beherrscht hatte, und hielt sich berechtigt, in den drei Preisfragen etwas Außergewöhnliches, etwas Großartiges zu erwarten. Und diese Erwartung ward auch nicht zu Schanden. Das Schriftstück wurde entsiegelt, und der Inhalt laut und verständlich verlesen. Die anwesenden Talniudisten erkannten beim ersten Ueberblick, daß die Fragen in der That sehr problematisch angelegt, und nur sehr schwer oder vielleicht gar nicht zu löse» seien. Da sich jedoch das Ding nicht über's Knie brechen ließ, einigte man sich dahin, daß diese Fragen abschriftlich vervielfältigt und an säiunitliche Talmndgelehrte in der Gemeinde verteilt werden, damit sie dieselben gründlich studieren, und bis zu einer bestimmten Zeit ihre hierüber gkwoiineiien Ansichten und Urteile an den Vorstand bekannt geben mögen. — Als nach Ablauf dieses Termins die Urteile eingegange» waren, und zwar einstimmig dahin lautend, daß es wirklich sehr harte Nüsse zu knacken gibt, daß die aufgegebenen Themata nach allen Richtungen und Wendungen reiflich durchdacht zu den schwierigsten unter der Sonne gehören; so ernannte die Versainmluiig drei der ausgesprochen tüchtigsten Talinudisten in der Gemeinde als Vertrauenspersonen, welche die ehrenhafte Aufgabe erhielten, gemeinschaftlich auf die Suche auszugehen nach eine»! Manne, der im Stande sei, die bezeichneten Fragen geschickt zu lösen, und. den sie diesfalls kraft einer ihnen doeunientarisch zu erteilenden, unbeschränkten Vollmacht im Namen der Gemeinde Frankfurt a. M. zu ihrem Rabbbiner zu ernennen ermächtigt sein sollen. Die Deputirten, voll Berufseifer für die gute Sache, begaben sich so schleunig als thunlich auf den Weg, wobei sie in erster Linie die Gemeinde Krakau niit ihren vielen berühmten Gelehrten in's Auge gefaßt hatten, und schon nach kaum einer Woche begegnen wir ihnen in dieser Stadt, wo sie bereits bei ihren Fachgeuossen (selbstverständlich ohne Angabe ihres Reiseziels) Anstandsbesuche machten, uiid wobei sie sich einer besonders gastfreundlichen Aufnahme zn erfreuen hatten. Am zweiten Tag nach ihrer Ankunft feierte eben ein angesehener Mann ein religiöses Fest, und wurden nebst viele» Gästen auch unsere Reisenden dazu geladen. Im Verlaufe des Mahles hielt ein zehnjähriger Knabe, ein Sohn des Festgebers, wie es damals Sitte war, eine durch seine» Lehrer gut einstudierte Rede, in welcher er unter Anderni drei sehr schwierige Frage» aufstellte, die eine seltene Methodik und eine nicht alltägliche Begabung des eigentlichen Fragestellers verriete», welche Fragen aber mit eben solchem Scharssinn und unterstützt von einer staunenswerten Summe talniudischen Wissens beantwortet wurde», wofür dein jugendliche» Redner ein tanscndsti»ii»iges begeistertes „Jascher-Koach* gezollt wurde. Die drei fremden Gäste aber waren ganz starr vor Erstaunen und blickte» einander sprachlos an. „Wie!" brachen sie alle zugleich in Verwunderung aus, „das sind ja die drei schwierigen Frage», die wir bei uns ausgeschrieben in der Tasche Haben, und welche selbst unsere größten Gelehrten nicht beantworten konnten!" Sie winkten hierauf den Knaben freundlich zu sich Hera» „Bei wein lernst Du, mein Kind?" fragten sie. „Dort sitzt mein Lehrer, Reb Schmul," war seine Antwort. Dabei wies er auf ein schmächtiges Männchen, das sie seitwärts in einen! Winkel erblickten. (Schluß folgt.)

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