Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1892)
- Date
- 1892-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50 _ Und seltsam! So zeigt sich der Geist Gottes i» der Geschichte; so verknüpfen sich Ursachen zu scheinbar fern abliegende», von den sterblichen Werkzeugen nicht gewollten, ihren. Absichten entgegengesetzten Wirkungen, so arbeitet jene .Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" — so erwies sich auch hier die Wahrheit der alte» Bileam-Sage: er kam zu fluchen und mußte segnen. Als vor vierhundert Jahren Ferdinand und Jsabella von Spanien in einem und demselben Jahre 1492 sich des dreifachen Siegs erfreuten: das maurische Granada besiegt, die Juden vertrieben, die neue Welt durch Edlumbus entdeckt zn haben, da konnten sie, die keinem Inden den Zutritt zu den Schiffen des Columbns, den Zutritt in die Häfen Amerikas gestattete», nicht voranssehen, daß dieses unter ihrer Herrschaft und Gönnerschaft neuentdeckte Land vier Jahrhunderte später die Hoffnung und Znflnchtstälte der Glaubensgenossen werden soll, die nach ihrem Muster und Borbild heutzutage i» Rußland verfolgt werden. Das grenzenlose Unglück, das in unseren Tagen den russischen Juden bereitet wird, und sie, viele Millionen an Zahl, darunter wissenschaftlich Hochgebildete, fleißige Handwerker, zwingt ihre Habe um ein Spottgeld zu verkaufe» und mit dem Wänderstab den Bettelstab zu ergreifen, um in ferneren freieren Landen eine, neue Heimat an Stelle der alten zu suchen, die ihnen bitterstes Heimweh bereitet hat — es mahnt von selbst zu einem Rückblick auf das traurige Loos, das ihren Glaubensbrüdern vor vierhundert Jahren in Spanien bereitet worden ist. Es liegt darum nahe, in kurzen Zügen ein Bild jener Zeit? vor vierhundert Jahren zu entrolle» und z>var — zu Ehren der Unparteilichkeit — nur an der Hand christlicher Quellen, wie sie in den wertvollen Geschichtsforschungen des Spaniers Llorente*) und Amerikaners Prescott**) uns vorliegen. Llorente war selbst von 1789 bis -1791 Secretär des im Jahre 1809 aufgehobene» Jnquisitonsgerichts in Madrid, sein vierbändiges Werk, eine Geschichte und Verurteilung der spanischen Inquisition ist den Acten des Jnquisitionsgerichts und deis Berichten zeitgenössischer spanischer katholischer Schriftsteller entnommen, alfoi urkundlich belegt, authentisch und unparteiisch, d. h. nicht philosemitisch, wie das geschmackvolle »ivdenie Schlagwort lautet. Llorente erzählt: der Albigenserkrieg war der Vorwand, dessen sich die Päpste bedienten,' um die Inquisition ins Leben zu rufen- Anfangs nur für ketzerische Katholiken bestimmt, ward sie später benutzt und namentlich in Spanien eingefnhrt, um die zum Christentum bekehrte» spanischen Juden treffe» zu können. Der ausgebreitett Handel, den die spanischen Juden betrieben, führte ihnen im Laufe des 14. Jahrhunderts de» größten Teil des Reichtums der Halbinsel zu. Hierdurch erlangten sie Macht und Einfluß. Die Christen, welche es ihnen im industriellen Mithewerb nicht gleichthnn konnten, wurden ihnen fast sämmtlich verschuldet. Der! Neid machte sie rasch zu Feinden ihrer Gläubiger. Böswillige Menschen nährten die Mißstimmung und so kam es zu Streit und Volksaufständen. In Spanien lebten Juden seit den ältesten Zeiten der Römerherrschaft. Unter den Westgothen nahmen sie zu an Reichtum, Ansehen und Macht. Als jene, die Westgothen vom arianischen Glaubet« — wonach Christus wohl das vorzüglichste Geschöpf Gottes, aber kein Gott sei — zum orthodox - katholischen übergingen, fingen sie an, die Juden zu verfolgen. Von den Bischöfen des *) Llorente, historie critique de »Inquisition d’Espagne, Paris 1817. **) Prescott, Ferdinand und Jsabella die Katholische und ihre Zeit, Leipzig 1842.