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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1892-01-01 · Heft 1 (1.1.1892) · p. Seite 2

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
12 (1892)
Issue
Heft 1 (1.1.1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Mendel Naphtali war noch niemals in Sobolina gewesen. Als er sein«? Pferde im Gasthof „zfim weißen Adle?' eingestellt hatte und durch die enge Gasse, seinen Freund Gabirol an der Seite dem Markte zuschritt, sah er auf der Schwelle eines hübschen, stattlichen Hauses ein junges, schönes Mädchen und blieb überrascht stehen. Es war wahrhaftig eine Erscheinung, die auch blasiertere Männer, als es Mendel Naphtali war, ja selbst Feinschmecker in der Liebe überraschen konnte. Vor Allem lag der Zauber in ihrem goldrothen Haar, das in reichen, üppigen Flechten ihr edelgeschnittenes Gesicht mit den zarten frischen Farben umrahmte und gleich einer reichen Last auf ihre! Schultern herabfiel, auf ihre Pelzjacke von Penseesammt mit silbergrauem Vehrücken besetzt. Aber das wunderbarste an dem Mädchen waren ihre Augen, ^welche durch die Hellen, schimmernden Wimpern wie durch einen Schleier voll Goldspitzen durchblickten. Und noch etwas überraschte Mendel Naphtali: Das Mädchen war gewiß über zwanzig und noch nicht verheiratet. Wie sollte er das verstehen? Sein Freund Gabirol, den er lim Weitergehen befragte, lächelte und wiegte den Kopf hin und her. j ,'Es ist Sarah," sprach er, „oder wie sie allgemein genannt wird, Baruschka, die Tochter des Kauffmanns Aron Merores. „Warum sie bis nun feinen Mann bekommen hat? Sehr einfach, weil sie bös ist, und eben deshalb regiert Sie das ganze Haus. Alle fürchten sie und ihr Vater am meisten, ja, er küßt ihr die Hand, wie wenn sie eine Königin wäre. Gieb acht, Mendel, daß du dich nicht, in sie verschallst. Erinnere dich daran, was der Köchelet sagt " „Was sagt denn der Köchelet? fragte Mendel. „Ein böses Weib ist bitterer als der Tod, Sie bereitet ihre Schlingen allerwärts, Umschlingt mit ihren Banden alle Thoren, Bethört des schlichten Mannes schwaches Herz, Und wer ihr naht, der hat sein Glück verloren." Mendel schwieg, aber die nächste Folge des Eindruckes, den ihm Baruschka gemacht hatte, lvar, daß er zwar der Produktion und Fütterung in der Menagerie beiwohnte, aber den Papagei, um dessentwillcn er gekommen war, nicht kaufte. Gegen Abend, als es ihm gelungen war, sich von Gabirol loszu niachen, trat Meydel in den Laden des, Aron Merores, und verlangte Sammt- und Seidenstoffe zu sehen. Baruschka kam herbei, um ihn zu bedienen. Um länger in ihrer Nähe verweilen zu l können, zeigte sich Mendel furchtbar wählerisch und hatte an jedem der Stoffe, den sie ihm vorlegte, irgend etwas zu tadeln. Endlich wurde Baruschka ungeduldig. „Unsere Maare," sprach sie, „ist gut und hat »och jeden befriedigt. Sogar die Gräfinnen, die in der Nähe ihre Güter haben, kaufen bei unS, wenn sie aber so kritisch sind, dann fahren sie lieber gleich nach Paris. Bei uns finden sie das nicht was sie suchen." Mendel Naphtali sah sie ruhig an und lächelte. „Doch," sagte er dann, „ich habe es bereits gefunden."! Baruschka sah ihn erstaunt an. z Sie verstand nicht, was er meinte. „Ich habe Sie gefunden," sprach er, „um Ihretwillen bin ich eingetreten, denn Sie gefallen mir besser als alle Ihre Stoffe. Ja, ja, sehen Sie mich nicht so verwundert an, Sie wären eine Frau für mich." »

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