Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
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269 eignen Füßen stehen sollten, könne» wir, wenn auch im Einklang mit der Alliance jenseits des Rheins, nicht auch im eignen Namen anklopfen an die Pforten der Mächtigen, eintreten in die Hütten der Unterdrückten? Haben wir nicht aufgehört, Nullen zu sein in der Politik? Nun so wollen wir den Dank für die uns zuteil gewordene Gleichstellung auch darin bethätigen, daß wir unsren bedrängten Glaubensgenossen in freu,de» Ländern durch kräftige Hülfe Achtung und Liebe einflößen für deutsche Juden." Diese vor 1870 ausgesprochene Anschauung ist durch die Ereignisse seitdem bestärkt, auch durch widrige antisemitische Erlebnisse nicht erschüttert worden. Ich nannte vorhin als zweites großes Vereinswerk der heutigen Juden: den deutsch-israelitischen Gemeindebund. Das ist wirklich eine Schöpfung deutscher Juden. In meinem „Aufruf an die deutschen Glaubensgenossen": Höre Israel! habe ich 1869 (S. 87) die Errichtung von Gemeindetagen im reformatorischen Sinne angeregt. Im örtlichen und räumlichen Anschluß an die Leipziger Synode ward 1869 unter des trefflichen Moritz Kühner Leitung der deutsch-israelitische Ge meindebund errichtet und gefördert, nach seinem Tode 1877 von seinem Vorstaudscollegen, dem edlen Jakob Nachod, umsichtig weitergeführt — bis die antisemitische Strömung in Sachsen, welche dem Bund die erbetene juristische Persönlichkeit durch Eintrag in's Genossenschaftsregister versagte — ihn Anfangs 1882 von Leipzig nach Berlin, in die Obhut des Geheimen Sanitätsrates vr. Kristeller führte. Wenige Wochen darauf verschied Nachod. Da klagten wir: So hat er den Gemeindebund, sein Kind In treuen Armen liebevöll gebettet, Und als ihm drohte Reif und böser Wind In wärmre Zone sorglich ihn gerettet, Das war das Letzte, Schwerste seines Lebens. Skull er gesichert wußte besten Strebens Mühvolles Ziel, nun ist er heimgegangen. Hatte der Gemeindebund schon in seiner ersten Zelt — zu Leipzig unter Kohner und Nachod — eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet, indem er den Gemeinden in den wichtigei» Kragen des Religionsunterrichts, der Fremdenunterstützung beiräthig war und von namhafteil Fachinäunern belehrende Auskünfte einholte, berieth und veröffentlichte, indem er die von übxrfrommer Seite veranlaßte Auflösung der Äemeindeeinheit durch Vorstellungenund sorgfältige Gutachten bekämpfte und zu mildern suchte, indem er durch Wort, Schrift und Hinweis auf Thaten den Antisemitismus bekämpfte, indem er gute Vereinsschriften herausgab — vor Allem das Lessing- Mendelssohn- Buch —, indem er fort und fort sich mit den deutschen Gemeinden in Fühlung erhielt, indem er die Pensionirung der Gemeindebeamten anbahnte und sich hierzu mit der Viktoria in Verbindung setzte: — so hat der Gemeindebund in seiner zweiten Lebensperiode — in Berlin —: unter Kristellers Führung nicht nur die bisherigen Bahnen weiter beschritten, insbesondere dem Religionsschulwesen und der Ausbildung von Religionslehre, namentlich für kleinere und ärmere Gemeinden, dem religiösen Unterricht, der, wie sich im vorigen Jahre herausstellte,, an vielen Orten gänzlich fehlt, sein fortgesetztes Augenmerk zugewendet, sondern auch vielfach neue Wege geebnet zur Ausbildung von Handwerkern, zur Uuterstützung dahin zielender Vereine Er hat die Friedrich- Wilhelm-Pictoria- Stiftung zur Beamtenversicherung er-