Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1890)
- Date
- 1890-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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In den düsteren Jahrhunderten des Mittelalters sehen wir. wie dies einigende Band der Bruderliebe, der Glaubens- und MitleidenSgenossenschast in den jüdischen Gemeinden selbst und von Gemeinde zu Gemeinde über Länder und Erdteile, ja hinüber über das Mittelmeer, seine schützende, erhaltende, tröstende und aufrichtende Kraft bewährt, wie es sogar weit über die religiöse hinaus, segensreiche volkswirthschaftliche uud gemeinnützige Bedeutung erlangt. Ist doch die Entstehung des Wechselverkehrs, des Welthandels, ein Ergebnis dieses von Gemeinde zu Gemeinde sich schlingenden Bundes und Bandes der Juden. Ein talmudischer Morgenspruch im alten jüdischen Gebetbuch lautet: Dir ist, o Mensch, im Überfluß Ein Kapital bestellt, Für's Leben hier zum Zinsgenuß, Der Stamm für jene Welt: Eltern ehren, Armut wehren. Fremde hege», Kranke Pflegen, Todte bestatten, Bräute ausstatten, Zwischen Entzweiten Frieden bereiten — Doch die allerhöchste Pflicht Ist Sorge für den Unterricht. Dieser Gebetspruch enthält in der That das Programm für die Vereinsthätigkeit und vereinte Wohlthätigkeit in den jüdischen Religionsgemeinden. Er geht aus von und beginnt mit demjenigen, was allem Vereins- und Gemeindeleben Vorbild und Grundlage ist, mit dem was von jeher der Stolz und das Kleinod Israels war: dem kibud aw woem, der Kindesliebe, den« Familiensegen. Wenn auch, nach Eber's Zeugnis, bereits ein alter egyptischer Papyrus den Satz enthält: „Wer seinen Vater ehrt, wird ein langes Leben haben," also die Urschrift des fünfteil Gebots, — so ist doch dieses und seine Heilighaltung geschichtlich die Missionsaufgabe und Erhalterin des Judentums gewesen. Aus der Familie, dem engsten Verbände zwischen den Menschen, der ersten und allernächsten natürlichen Lehrerin der Geselligkeit, der mächtigsten Bekämpferin der Selbstsucht erwuchs das Vereinsleben. Überall, lvo nur zehn Juden an einem Orte sich niederließen, war schon in den ältesten Zeiten ihr Sinnen und Trachten gerichtet auf gottesdienstliche Vereinigung der Lebenden und j auf einen Begräbnisplatz für die Todten. Ja, wie das Beispiel Dresdens zeigt, oft ging die Fürsorge für den Friedhof notgedrungen der für das Bethaus voraus,!weil den Lebenden verboten ward, woran man die Todten nicht hindern konnte: Jenen, gemeinsam zu beten, biefett sich von befreundeter Hand begraben zu lassen. So bildete in der That an vielen Orten, wie hier in Dresden, die sogenannte heilige Brüderschaft, Cliewra kadischa, ober wie sie hier von Haus aus genannt wurde, die cherwath gemilush chassodim, den Grundstock der Gemeinde. Sie entstand, ehe noch die Errichtung einer Gemeinde erlaubt war, als Gesellschaft zum Friedhofserwerbe, zur Todtenbeerdigung,als „Gesellschaft wie bei allen Judenschaften gebräuchlich, die Todten anzukleiden und zu begraben," heißt es in den Acten. Sie bildete die Altgemeinde. Sie war so hier in Dresden, der Pionier, der erste Vorstoß für die werdende Gemeinde. 21*