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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1890-09-01 · Heft 9 (1.9.1890) · p. Seite 208

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 9 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
Seite 208 (sequence 16)
Language
German
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208 „Ihr habt unfern Herrgott gekreuzigt". Aber auch unter die Christen sei durch die Vergötterung Jesu Zwietracht gekommen. Es streiten Judenchristen mit den Anhängern des Paulus auch über Christus, was er war und wie man über ihn zu denken habe, es streiten Gnostiker mit Katholiken, Arianer mit Athanasiern, es streitet Kyrillos mit den Nestorianern, ßs streiten Protestanten mit Katholiken und erstere untereinander. „lieber Christus sind wir entzweit", über ihn streiten wir immer und überall u> d Alle (S. 24). Aber auch für jeden Einzelnen sei dieser Kultus eine Ursache di r Schwäche. Die Bewunderung des Helden habe etwas sehr Gefährliches, s e erschlaffe den Willen, sie schläfre den Menschen ein und entferne ihn von den Zielen, die er zu verfolgen habe. Für eine Täuschung, für eine Gedankenlosigkeit hält Herr Schwalb die Anschauung, daß Jesus das Vorbild aller Mensche» sei, und fügt hinzu (S. 26): „Er ist gestorben, als er ungefähr 30 Jahre alt war. Er hat sich seiner Familie, seinen Eltern mtriffen, um seines Berufes willen. Er hat kein Weib gehabt und keine Kinder, auch eigentlich keinen Freund. Er hat kein Gewerbe betriebeil, keinen Handel, auch kein Staatsgeschäft — und nun soll er das Vorbild.sein der Kinder uns der Greise, der Arbeiter und der Kaufleute, der Staatsmänner und der Krieg:r, der Frauen und der Männer! Ach das ist eine starke Zumutung, wahrlich"! Das ganze Gerede von der allgemeine», ewigen Vorbildlichkeit des Lebens Jesu sei ganz sicher ein Teil der gedankenlosen Vorstellungen, womit die Menschen, die Christen, ihren Verstand betäuben und ihre Willenskraft schwächen. 3n der Christusvergötterung läge eine große Gefahr für die Gesundheit des staatlichen Lebens und auch ein starkes Hemmnis des innersteil religiösen Lebens. Uebergehend zu dem Gedanken der Mittlerschaft, der einen HauptglaubeuSsatz der Christenheit bildet, sagt Schwalb (S. 31): „Es ist eine Verdunkelung der Religion überhaupt, wenn man immer von der Notwendigkeit eines Mittlers spricht." Nachdem der Vortragende auf die Gefahren, die der Christuskultus in sich trage, hingewiesen, wirft er die Frage aus, wann und wie man von demselben frei lverden könne Ausgehend von dem Gedanken, daß Pilatus Jesum nur verurteilt habe, wei! dieser sich für den Messias, für den König der Juden ausgab, nicht aber wegen seiner freisiiinigeu Ansichten über jüdische Gesetze und Riten, meint er, daß auchdaraus nur seine großen Erfolge sich erklären ließen, denn in seinen Reden und Sprüchen, wie sie in den drei ersten Evangelien gegeben sind, sei kaum eiil einz iger Satz enthalten, den man nicht unter mehr oder weniger verschiedener, Formen, manchmal auch in durchaus identischen Formen, bei den alten Rabbiuen oder im Alten Testamente wiederfände. In Jesu, bei seiner großen Gottes- und Menschenliebe muß auch Irdisches, etwas vom Staube der Erde gewesen sein, weil es keinen Menschen giebt, der rein aus Geist bestünde. In dem mess auischen Glauben Jesu au sich selbst läge mancher Irrtum, manche nationale Ueberspanntheit, und wenn er auch dastehe als ein Held unter den Helden Gottes, so stehen seine Füße auf dieser armen Erde, gerade so wie die unserigen. Sfur Gott allein aber soll man anbeten, Gott allein vom ganzen Herzen lieben) ein Mensch aber, ein erbgeborener sterblicher Mensch kann nicht Gegenstand unseres Kultus sein und bleiben. Er kann ein Licht sein, das uns den Weg zu Gott zeigt, nicht aber das Ziel unseres Strebens. Wenn wir auf den Flügeluches Gemütes und der Phantasie über die Grenzen unseres irdischen Gesichtskreises hinaus zu den Regionen der Mystik uns erheben, daun wollen wir Gott selpst suchen und finden. War Jesu ein Mensch, dann war er kein

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