Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1890)
- Date
- 1890-08-01
- Page
- Seite 184 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Der Ginf uß der Weform auf das orlßodore Judentum. Es ist eine alte Erfahrung, daß die Orthodoxie, so sehr sie sich auch gegen die Resori» abzuschließen sucht, sich dennoch deren Einflusses nicht ganz zu erwehren vermag. Greifen wir einige von den Reformen heraus. — Die deutsche Predigt. Von glaubwürdiger Seite wurde mir einst Folgendes erzählt: Es war in dl n zwanziger Jahren. Ein Rabbinatskandidat, der seine Universitätsstndien t ollendet hatte, hielt in der hiesigen Synagoge eine deutsche Predigt. Der alte ehrwürdige,.Rabbinkr war zugegen. Während der Predigt bemerkte inan an ihn ein Ächzen und Krächzen. Tiefe Seufzer entrangen sich seinem Herzen. Nach Beendigung des Gottesdienstes fragte ihn ein danebenstehender Mann. Warum ächzen und krächzen Sie also? Herr N. N hat doch im strengorthodoxen S inne gepredigt? Worauf der ehrliche fromme Rabbi ans der alten Schule die krrze aber prägnante Antwort gab: „Deutsch!" Er fühlte und ahnte, daß die deutsche Predigt einen Riß in die Orthodoxie machen müsse, und er hatte vollständig R cht. Denn zunächst gewöhnte die deutsche Predigt die Zuhörer an einen toxischen Gedankengang. Das mußte Licht in die Geister dringen und dieses Licht muß allmälig den Nebel verscheuchen, der so manche Observanz durch Einfluß der Mystik umhüllte, und dieselbe in ihrer Leerheit und Hohlheit erkennen Ilassen. — Ferner lehrt die Erfahrung, daß das an sich wohlgemeinte Streben mancher orthodoxer Prediger, den Ceremonialgesetzen durch Symbolisirung einen ethischen Inhalt zu geben und dadurch das Interesse für sie zu gewinnen, biH jetzt nicht von großem Erfolg gekrönt worden ist. In früheren Zeiten war Es anders. Die Heiligkeit und Unverbrüchlichkeit der Ceremonialgesetze stand mst. War ein Redner im Stande, dem einen oder anderen Ceremonialgesetz eine ethische Unterlage zu geben und es als Symbol zu deuten, so war dieses für den Hörer eine wohlthuende Bestätigung dessen, was schon ohnehin bei ihm faststand. Wie ist es aber jetzt? Wenn Jemand gegenwärtig das Verzehren der lMazzoth am Pesach nicht mehr für geboten hält und er hört einen Predigerjdas Gebot dadurch motiviere«, daß die Mazzah ein Symbol des Lauteren und meinen sei und uns mahne, alles Unlautere, den Sauerteig, die bösen Leidenschaften aus unserem Herzen, zu bannen, würde er darum zu jenem Gesetze zurückkshren 91) Und könnte er ihm nicht erwidern, daß es doch wirkungsvoller sei l müßte, »venu eine solche Mahnung des Jahres hindurch öfters durch Worte geschehe als durch das achttägige Mazzothessen? Das Symbol hat seine früh« re Kraft verloren und an seine Stelle ist das Wort getreten; die noch so sein erdachte Symbolik vermag dem Cerenionialgesetz die frühere Glorie nicht nüederzugeben. Hier gilt nur die Alternative: glauben oder nicht glauben. Nur die Gläubigen, die an der Fortdauer der Verbindlichkeit des Ceremonialgesetzes festhalten, können durch sittlich-religiöse Deutungen in ihrer Pietät für dasselbe bestärkt werden. Ruhe, Stille und Ordnung sind ebenfalls Errungenschaft der Refornr. Dieses müssen Alle bezeugen die sich des traurigen Zustandes vor dem Aufblühen >) Oehler hat in seiner „Theologie des A. T." einen Grund für das Mazzoth Gebot angegeben; den man selten erwähnt findet. Das un gesäuerte Brod sei eine Speise des Priesters gewesen. Darum hätten Aron und seine Söhne während der sieben Tage, in denen sie ihre Weihe empfingen, nur Ungesäuertes essen dürfen, und als das Volk Israel seine Weihe zu einem Priestervolk erhielt, sei ihm ebenfalls geboten worden, sieben Tage nur ungesäuerte Kuchen zu genießen.