Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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15 es auch nur ein Stückchen Brot, wird von den anderen mit neidischen Blicken angesehen. Bei Gelegenheit dieses Mahles sucht der Zaddik durch allerlei Gesten, durch Niederfallen urid Aufstehen, durch Rufen und Händeklatschen sich mit den Anwesenden, welche Alles getreulich nachahmen, in eine gewisse Ekstase zu versetzen. die ihn zu ihrem Gort emporheben soll. Alles was man vom Kreiseltanze der Derwische nnd von den Pantoniinen der Bajaderen gelesen hat, tritt uns hier im jüdischen Conterfei entgegen. In dieser Verzückung, in der die Geheimnisse Gottes sich offenbaren sollen,' schaut der Rabbi allerlei Bilder und was er sicht, bringt er in meist unverständlichen und wirren Worten zum Ausdruck. Die Zuhörer finden darin einen großen Genuß, auch wen» sie nicht das Geringste davon verstehen. Won aisschau. Von den vielen uns zugegangenen Necrologen in politischen Blättern und jüdischen Zeitschriften, welche unserem theueren unvergeßlichem Vater, dem seel. Herrn Rabbiner Jarob Krittl gewidmet wurden, sei hier nur der Nachrnf des Herrn I)r. Jellinek in Wien in der „Neuzeit" Nr. 49 erwähnt, aus welchem wir folgende Sätze hervorheben: Nicht blos die Familie des Heimgegangenen und kücht bloß die kleine israelitische Gemeinde Kojetein, sondern auch das Judentum trauert an dessen Sarge. Er war ein durch Gelehrsamkeit und Forschergeist ausgezeichneter Rabbiner, der in Europa, Rußland ausgenommen, kauin einen genügenden Ersatz finden wird! Lehrer einer kleinen mährischen Gemeinde, gehörte er dennoch durch seine gelehrten Forschungen und Leistungen zu den größten Lehrern in Israel. Seine Vertrautheit mit dem ganzen Talmud und der gesummten talmudisch-rabbinischen Litteratur verwertete er nicht zu dialektischen und scholastischen Abhandlungen, sondern im Sinne der Wissenschaft und zu methodischen Forschungen. Sein in zwei Teilen erschieneues Werk „Einleitung in die Mischnah" zeigt, daß dessen Verfasser den ganzen Talniud beherrschte und ein Mann von historisch-kritischer Schulung war. Er hat durch dasselbe der talmudischen Wissenschaft einen eminenten Dienst geleistet. Noch kurz vor seinem Tode. erschien eine Schrift von ihm unter dem Titel „Ben Sekunim" die höchst interessante und lehrreiche Aufsätze enthält, welche von seiner Gelehrsamkeit, feinem aufgeklärten Geiste und seineiüt toleranten Sinne ein ehrendes Zeugnis ablegen. Besonders bemerkenswert ist der erste Aufsatz interkonfessionellen Inhalts. Wir bemerkten, daß er in einer kleinen Gemeinde einer der größten und gelehrtesten Rabbiner unserer Zeit war. Wir fügen z» seinem Ruhme hinzu, daß er mit den bescheidenen Mitteln ' eines Rabbiners in einer nicht sehr zahlreichen mährischen Gemeinde es verstanbett hat, seine zwei Söhne zu seiner Ehre und zum Wähle des Judentums zu erziehen. Sein ältester Sohn Herr Dr. Nehemias Brüll, der den Vornamen seines Großvaters, des verewigten mährischen Landesrabbiners Trebitsch führt, Rabbiner in Frankfurt a. M., ist der Schüler seines Vaters und gehört bekanntlich zu den bedeutendsten jüdischen Forschern und Schriftstellern unserer Zeit. Sein zweiter" Sohn ist Herr vr. Adolf Brüll —-Die Erziehung dieser beiden öffentlich wirkenden Männer ist ein schönes Denkmal für den im 78. Lebensjahre Heimgegangenen Vater. Sein Andenken wird nicht aus der Geschichte der jüdischen Litteratur schwinden und sein Name wird unter denen genannt werden, welche ruhmvolle Thaten des Geistes vollbringen.