Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1886)
- Date
- 1886-08-01
- Page
- Seite 170 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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— 170 — wandeln, werden von Leid und Mißgeschick heimgesucht, ja gar häufig noch mehr von Plage und Ungemach betroffenals diejenigen, die ihr Herz von dein Herrn abgewendet, über alle Gebote der Gerechtigkeit und Gottesfurcht sich Unausgesetzt haben. Aber was soll damit bewiesen werden? Etwa daß es keine Vorsehung giebt? Oder ist cs nicht vielnichr die Arnint und Beschränktheit unserer inenschlichen Einsicht, die in solchem Zweifel sich verrät? Wie sollte es denn sein, wenn es nach unserer Meinung und Vorstellung gienge? Etwa so, daß die Tugend und Frömmigkeit hienieden schon ihren vollen und sicheren Lohn finde und daß aus guten Thaten und edlen Handlungen sofort ein segensreicher Gewinn und Ertrag uns erwachse? Ja, wenn das so gienge, dann würden ja gewiß alle Menschen sehr gerne gut und edel sein, das würde sich ja ganz prächtig verzinsen und bezahle», hber, fragen wir, konnte beim da noch von wahrer Tugend und Gottesfurcht die Rede sein, so diese nur den» Menschen dazu diente, daß er durch sie das irdische Lebensglück sich erwerbe und sichere und in ihr eine feste Bürgschaft des Wohlergehens finde, eine stete Anwartschaft auf sofortigen unausbleiblichen Gotteslohn? Nein! Mit solch' kindischer Unvernunft dürfen wir die Vorsehung nicht nicistern wollen und solchen Albernheiten sollen wir den Glauben der Wahrheit! nicht preisgeben, bescheiden müssen wir uns mit dem Rathschlusse des Herrn und alles getrost seiner ewigen Weisheit und Gnade überlassen. Wer Gott ini Herzen hat, der zagt nicht und fürchtet nicht, auch wenn manche Not und Bedrängnis an ihn herantritt, er weiß, daß sein Erlöser lebt, daß sein Heil nicht ausbleiben kann, in seiner Seele erlischt das Licht des Glaubens nicht, welkt die Blüte der Hoffnung nicht. Das Gottvertrauen ist die feste Säule seines Herzensfriedens, den alle Kämpfe des Lebens ihm nicht zu rauben, alle Prüfungen des Mißgeschickes ihm nicht zu zerstören vermögen. Ja, auf Kämpfe, lautet das Wort des Herrn an Jeremia, mußt du dich gefaßt machen, die blyiben auch den Frommen und Rechtschaffenen nicht erspart. Die von Liebe zu Gon erfüllt sind, haben oft am schwersten unter dem Hasse der Menschen zu leiden, aber das darf dich nicht entmutigen oder auch nur beunruhigen, der Glaube, mit dem j deine Seele an Gott festhält, ist der Schild, an dem die Pfeile der Verfolgung sich zersplittern. Du wirst bekämpft, aber nicht besiegt werden, penn Gott ist mit dir, ich werde dir beistehen, spricht der Herr, um dich zu schützen und dir in jeglicher Not Hilfe und Rettung zu schaffen. Gott mit uns das muß auch die Losung Israels werden in einer Zeit, in der ein heftiger Kampf gegen uns entfesselt wird und gar kein Ende nehmen will die Befeindung, find Anfechtung, die sich wieder uns erhoben hat. Da muß dies Wort wie ein lauter Weckruf uns in das Herz hineintönen und den schlummernden Lebensgeist des Judentums in unserer Mitte wachrufen und uns beseelen mit der Kraft des Glaubens und des Gottessinns, daß auch wir mit dem Bewußtsein uns trösten können: Sie werden dich bekämpfen, aber nicht besiegen, denn mit dir bin ich, spricht der Herr, um dich zu schützen und zu retten. Aber wie? Klingt dieser Weckruf nicht eher wie ein Schreckruf in unseren Ohren? Gott mit uns! Können wir den Mut haben, so zu sprechen? Ist Gott mit uns? Sind wir denn noch bei ihm? Ist Israel noch das Volk, das seinem Gotte dient in Treue und Wahrheit und ihn ehrt mit des Herzens aufrichtigem Sinne und! ernster Hingebung? Haben wir uns nicht bemüht, aus unserer Seele alles hinwegzuräumen, was an das Ewige und Göttliche unS erinnert, als wäre das eine so schwere und unnütze Bürde, deren man sich so gut als möglich entledigt!? Was ist denn eigentlich von der Religion unS übrig