Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 113 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Kinderlosigkeit der Gattin, sich noch eine andere zu nehmen. Für das Abendland ist durch den Beschluß der Rabbinerversaminlung zu Worms im Jahre 1000 unter Vorsitz des R. Gerschon die Polygamie gänzlich verboten. Ein Connubium (Mischehe), wie es den Römern, hinsichtlich den Patrizier und Plebejer, bei den Indiern und Aegyptcrn unter den verschiedenen Kasten bestand, kennt das Judentum nicht. Ihm ist nur die Heirath von kananitischen Frauen verboten. Moses selbst heirathete eine Aethioperin. Ein Ehescheidebrief konnte nicht von Frauen gegen den Mann erlassen werden. Salome, die Schwester des Herodes, die das dennoch that, ward heftig von den Rabbincn getadelt. Der Geist der monogamischen Ehe durchzieht vornehmlich die Propheten, die Sprüche Salomons und das hohe Lied. Die Würde der Frau zeigt auch der Umstand an, daß sie nicht >vie der Mann aus Erde, sondern dem höchsten Stoffe, dem Manne selbst geschaffen ist. Beide, Mann und Frau, sind in dem Ebenbilde Gottes geschaffen, wenn auch das zweite Kapitel der Genesis, jedenfalls eine zweite Quelle, eine andere Variation anzunehmen scheint. Höherer Verstand als dem Mailne wird der Frau in der Erzählung vom Sündenfalle zugeschrieben. Während Eva von der Schlange verführt wird, wird der Mann von der Frau verführt. Nachdem die Flamme der Opfer auf dem Altäre erloschen ist, brennt die Flamnie der ehelichen Liebe und Treue auf dem Familienaltar jüdischer Ehe stets fort und zeigt sich in Ehrerbietung' der Gatten gegeneinander in unerschütterlicher Liebe und Treue. — Am 15. Februar sprach Herr Prof. He. Iteinthnl in Berlin zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums über „Andacht." Früher sprachen Herr Oe. Emainikl Pitter über „Ein alter und ein junger Zweifler", Herr De. Maichaum über „Hiob", Herr De. Joel fHiiUtr über „Nachtalmndische Ethik", Herr De. Ungerlkider über „Die Israeliten auf dem Gebiete des Verkehrs" — Aus Brnmath berichtet man uns: Am 14. März hielt im großen Saale des hiesigen Rathauses vor einer zahlreichen Zuhörerschaft Herr Pfarrer Uandres einen Vortrag über „die antisemitische Beivegung der Gegenwart." Nach einer eingehenden Schilderung der in den letzten Jahren vorgekommenen Judenverfolgungen und in einem geschichtlichen Rückblick auf die Stellung der Juden in den verschiedenen Staaten Europas zeigte der Redner, wie die „Judenfrage" in eine politische, eine sociale und religiöse Frage sich zergliedern lasse, und schilderte mit unbefangener Freimütigkeit das Wahre und das Falsche der auf diesem dreifachen Gebiete gegen die Juden erhobeueuen Anklagen und an die Juden gerichteten Forderungen. Dieser Vortrag, in dem Pfarrer Nandräs ein ihn ehrendes Zeugnis von seiner Duldung und Weitherzigkeit ablegte, wurde von sämmtlichen Zuhörern, unter denen nicht wenige Israeliten aus Brumath sich befanden, niit lebhaftem Beifall aufgenommen. — In Tlafttl bei Mainz hat sich eine Turngesellschaft gebildet, die folgenden Paragraphen in den Statuten hat: „Mitglied des Vereins kann werden, wer einen unbescholtenen Ruf genießt und einer christlichen Konfession angehört." Die Turnerei, die auch geistige Gesundheit bezwecken will, wird solch krankhafte Anschauungen sicher nicht zu der ihrigen machen. — In Cassel soll demnächst ein Antisemiten-Kongreß stattsinden. — Verschiedenen jüdischen Kaufleuten ails Lranlikurt a. M., welche nach dem liuhland reisen wollten, tvurde das Paßvisa verweigert und die Reise nach dort untersagt. Ein Lokalblatt bemerkt dazu: Giebt es denn für deutsche Staatsbürger keinen Schutz bei der Reichsbehörde? — Der Sohn des berühmten Zeitgenossen Mendelssohns U. H. Wessely, Zedidsa lebte in großer Armut, trotzdem er zum 10