Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 87 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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87 keine Morgenröthe haben". — In Prag hat sich ein Handwerkerverein der Deutschen gebildet, dem die vornehmsten Wortführer der deutschen Partei als Mitglieder angehöre», woselbst Juden nicht ausgenommen werden. — In Budapest fand die veröffentlichte Eintagsnummer „Die Mitgift", in welcher jüdische Mädchen und junge Herren angefiihrt waren mit genauer Angabe der beiderseitigen Geldverhältttisse, ungeheuren Absatz. Es Ivar dies ein Faschingsscherz mit Gift. — Der bekannte Antisemit Lran; StejsKal Laranskg, der gegen Prof. Such in der Leopoldstadt in Wie» als Reichsratskanditat auftrat, ist wegen Betrug zu fünf Jahren schwereil Kerker verurteilt worden. — Daß auch in Wahren der Antisemikismus sowohl in slavischen als auch in deutschen Gegenden um sich gegriffen, zeigen ein Pöbelauflauf in prrrau wegen einer vermißten christlichen Magd, die jetzt steckbrieflich verfolgt wird, und das Urteil der Geschworenen in Inaim in Sachen Lutz contra Herzog-Weiniger. (Brgl. Wiener Illustrierte Kriminal-Zeitung, Jahrg. II, No. 4.) Es sind' in letzter Zeit in Oesterreich viele Fälle zu verzeichnen, die das Eindringen des Antisemitismus in die Hallen der Wissenschaften und des Rechtes traurig bestätigen. — Ueber die Rabbinerweihe im Zudapeiier Seminar schreibt uns Herr I)r. Zulius Rfcher: „Donnerstag, am 18. Februar, Vormittags um 8 Uhr, fand im Gotteshause des Budapester Rabbinerseminars eine erhebende Feierlichkeit statt. Drei Zöglinge, die der genannten Anstalt seit dein Bestände derselben angehörten und somit ihre ganze Ausbildung ihr zu verdanken haben, erhielten nun ihre Weihe gls Rabbiner. In der hell erleuchteten Synagoge fand sich ein distinguirtes Publikum ein, das zu Ehren der drei jungen Rabbiner erschien. Herr Rabbiner Hachiuuth, als Präses der Prüfungskommission, begrüßte die Herren mit warmen Worten und ermahnte sie, ihrer Pflichten, die min ihrer in: neuen Lebenswege harren, stets eingedenk zu bleiben. Hierauf hielt einer derselben eine wissenschaftliche Dissertation über Salomo» ibn Gabirol. Der halbstündige Bortrag würdigte Ibn Gabirol als den hervorragenden Dichter und den in der scholastischen Philosophie uuter dem Namen „Avicebron" bekannten Philosophen. Im Anschlüsse an diese Dissertation sprach der Redner in schwung- ^dllen Worten im Namen seiner Kollegen den Lehrern den tiefgefiihlten Dank aus, welchen diese redlich verdienten. Herr Professor öl. Illach, der Vorsitzende des Lehrkörpers, hielt nun an die Kandidaten eine klassisch hebräische Ansprache und überreichte ihnen die Hathara-Rolle». Bei der Uebergabe deselben legte der greise Meister segnend seine Hände auf die Häupter seiner Schüler und sprach den Priestersegen mit tiefinniger Andacht. Es war ein Moment voll Heiligkeit und Weihe. Anfang und Schluß bildete die Absingnng eines Chorals unter Leitung des Prof. Obercantor Krirdmann." - Herr Baron von Königsiriartcr in Wien erweiterte den Antrag des Abtes Kar! im niederösterreichischen Landtage, wornach die katholischen Pfarrer eine Virilstimme im Ortsschulrate haben sollten, dahin, daß auch den protestantischen Pastoren und den Rabbinern eine solche gewährt werde. — Die gesammteu Prozeßkosten in Sachen Pohling-Illoch sollen 4Q,0Ö0 Gulden ö. W. betragen. Der Professor wurde mit seinem Gesuche um gnadenreiche Erlassung der Bezahlung znrückgewiescn. — Der Minister des Innern forderte jüngst die Stadtgemeinde Prchburg auf, die Kosten von 45000 Gulden, welche die antisemitische Hetze durch Requirirung von Militär dem Staate verursachten, sofort zu bezahlen. Eine Generalversammlung der dortigen Stadtrepräsentanz beschloß den Minister um Aufhebung dieses Zahlungsauftrages zu bitten. — Am 17. Januar haben dreihundert Studenten sich Seitenlocken und Judennasen aufgesetzt und in Aödling wirkliche Juden angegriffen.