Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Stein! des abschließenden Ghettos entfernte, die engen Schranken der Asolirung miS Judentum seiner eigentlichen Wirkensstätte, der Menschheit, und wiedeiigab! .. j Ein eigenes Ja tum schwebt über den Nationen, schwebt besonders über dem Judentume! War es nicht am Vorabende der großen Revolution, die da wie eine Windsbraut allen veralteten Schimpf und alle Knechtschaft der Menschheit vor sich hinfegte, war es nicht gerade in der Entwicklnngsepoche der Humanität, daß eht Mann ersteheil mußte, der da-s vorbereitende Werk für das Judentum unterstahm, es empfänglich machte für den großen Akt der Befreiung lind Erlösung? j „Bon Gott ging cs ans! Es ist ein Wunder in unfern Augen!" so »ivgen wir mit dem Psalmdichter ansrufen. Inmitten der allgemeinen Finsternis, des hpffnungslosen Dunkels, der Gefangenschaft der Geister, der Erstarrung der Lebenskräfte löst sich ein; Arm vom großen Strome der Menschheit, bewässert, bespült und befruchtet das verdorrende Gefild des Judentums, so daß nun seine Saaten frisch-und lebensfroh keimen und gedeihen können und eine goldene Ernte! für die Zukunft versprechen.! Und dieser befruchtende Lebensstrom, er hat in Moses Mendelssohn feinest Quell, Das Judentum wird ihn an seinem hundertjährigen Sterbetag feiern, denn der Toten zu gedenken, und vollends der großen Toten, ist eine fromme Gewohnheit der israelitischen Nation. Alle ihre Festtage sind ebensvvielc I Erinnerungstage der großen Vorfahren, der Hingeschiedenen Geliebten! Sterbetage und ^eelengedächtnisse sind dem Juden heilig und tief in's Herz gegraben. Aber, ivie ehrt man die großen Verstorbenen in Wahrheit? Ist ein totes! Erz, ein slimbolisierendes Licht, ein Kranz um die Urne des gestorbenen Freiheitskämpfers, ist eine noch so herrliche Gedächtnis- und Seekenfeicr der gebührende Lohn für die großen Geister, die im Leben sich für uns aufzehrteu, ihr Dasein für uns dahingaben, ivie jenes Licht, das zu ihrem Gedächtnisse angezündet wird? für sie, die während ihres Lebens oft mit Entbehrung und Elend, mit Verachtung und Verfolgung zu kämpfen hatten, um ihres göttlichen .Bestrebens wegen, uns, ihre Enkel, frei und glücklich zu machen? O, auch der nun gefeierte groß: Tote hakte in seiiker beginnenden große» Laufbahn mit Elend und Armut, mit ^Schimpf und Verachtung zu kämpfen, war selbst ans dem Gipfelpunkte seines Größe und seines edlen Strebens nicht nngetroffen von jenem klassischen Undänke der Station gegen seine Wolthäter. Mit philosophischer Geduld, mit Gelassenheit und Milde ertrug er die Verfolgung seiner Mitbrüder und während sein großes Herz sich für sie auszehrte, kam kein Wort der Klage über seine Zunge. Auch jetzt noch, »och in heutiger Zeit, besitzt der große Reformator seine Feinde, die sein edles Streben bemäkeln und lieber in ägyptischer Knechtschaft geblieben wäre», als die menschenwürdige Freiheit des gelobten Landes zu genuin glan eu! Noch heute haben wir bei weitem nicht „jenen heil'gen Siegesglanz einer lens- und gesühlslebenden Vorzeit" für Israel wieder errungen! Nicht im Glücke, nicht im wiedergewonnenen Schmucke der heiligen Vorzeit vermögen wir die Urne des großen Vorkämpfers zu schniücken. Nicht der ranschendste Beifall kann die im Leben erlittene Unbill sühnen, aufovferndes Wirken belohnen! Die jüdische Religion ist eine Religion des Lebens. Sie will und muß durch lebensfähige Institutionen, durch ein Wirken im Geiste des verewigten iWvlthäters, durch Fortsetzung seiiies Bestrebens das Verdienst ehren und unsterblich machen!