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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 216

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 216 (sequence 24)
Language
German
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216 mischten Dialekt, den sie mit hebräischen Schriftzeichen schreiben. Zwei Theater spielen täglich Dramen in ihrer Sprache; fünf Zeitungen erscheinen mit ihrem biblischem Alphabet gedruckt, und überall sieht man semitische Schilder. Die Ziegelhäuser mit ihren eisernen Treppen und Rettungsbalkons sehen wie rostige Käfige aus. Die Hochbahnen, die breiter als der Fahrdamm sind, machen daraus einen halbdunklen Tunnel, und wenn die Schnellzüge das Gitterwerk streifen, zittert das Gitterwerk. Hier ist die Stadt des Wiederverkaufens und Geschwätzes. Die glücklichsten Insassen find Trödler. Die anderen, Männer oder Frauen, nähen auf Stück. Sie arbeiten im Zimmer bis in die Nacht hinein; sie schlafen zusammengekauert auf ihren Stücken als Matratze, und man hat Mädchen gefunden, die mit fieberroten Augen liegend nähten- Bei diesem Sweating-System „saugen" die Zwischenmeister den ganzen Gewinn. Das Leben jeder Familie ist eine Tragödie, so wie Zangwill sie in einem Drama „Kinder des Ghetto" auf die Bühne gebracht hat. Die Generation der Eltern bewahrt die Sitten der russischen Ghettos. Ein alter Rabbiner Namens Baruch Spinoza, der auf ein Stück nähte, trug immer die Gebetriemen bei sich nnd breitete sie in der Arbeitsstube ans, um zn beten. Eines Tages brach Feuer aus, und er entkam mit großer Mühe. Auf der Straße erinnerte er sich aber seiner Gebetriemen, kletterte trotz der Warnung seiner Freunde zurück, um sie zu holen, und erstickte. Die Generation der Kinder ist dagegen ganz amerikanisch. Sie bilden die Elite der Freischulen, das Publikum des öffentlichen Klubs und die Elite der städtischen Demokratie. Sie schwingen sich zu den freien Berufen auf, bringen sich in den Großhandel hinein, und während das Ghetto sich mit neuen Eingewanderten bevölkert, entvölkert es sich von den Söhnen der alten, die die reiche Stadt erobern. Die Juden New-Aorks sind das ergreifendste Beispiel einer Demokratie, die massenhaft zu einem neuen Lose aufsteigt. Aber die unvermittelte Anpassung der Kinder an die Idee der neuen Welt schafft zwischen ihren Eltern und ihnen ein Mißverständnis. Das New-Iorker Ghetto hat auch seinen Dichter, der in der Sprache des Ghetto schreibt. Sein Name ist Morris Rosenfeld. Er ist in Polen geboren, 39 Jahre alt, war Schneiderlehrling in England, Diamantenschleifer in Holland und handhabte in New-Iork das Bügeleisen in einer Plätterei, bis es ihm, trotzdem er eine Frau und vier Kinder hatte, an der Kraft fehlte, den Lebensunterhalt zu erwerben. Da versuchte er für einen Cent die Zeile in den hebräischen Zeitungen zu schreiben. Seine Gedichte erzählen von seinen Leiden." Inhalt: Stimmen aus dem Volke über die Rabbiner-Versammlung in Frankfurt a. M. (1845). — Konsistorialrat Prof. Di'. Ebrard über die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Frankfurter Stadtbibliothek. — Neujüdische Stimmen über Jesum Christum. — Der Jude und die Kunst. — Monatsschau. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Dr. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Auffarth; Druck von H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfurt am Main.

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