Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 192 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969901--6684-2976032- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und nimmer wird Halevys Hauptthese sich zur Anerkennung durchringen, daß der Talmud in seinem halachischen Teile das Credo des Judentums enthalte und sein Abschluß als ein Akt der Inspiration anzusehen sei. Bei einer solchen Auffassung der Dinge kann überhaupt von historischer Wahrheit, mit der sich Halevy brüstet, nicht mehr die Rede sein, da theologisch-mystische Anschauungen alles auf den Kopf stellen. Daß nicht ein mystischer Auftrag, sondern eine praktische Notwendigkeit zum Abschluß des Talmud geführt hat, ist eine These, die man vergebens bekämpft. Ein starkes Stück leistet sich Halevy, daß er entgegen allen Thatsachen alle späteren Veränderungen im Texte des Talmud einfach leugnet. Doch mit all seinem Schimpfen und Poltern wird er die besonders von dem greisen I. H. Weiß vertretene wissenschaftliche Anschauung, daß der Talmud nie einen masoretisch feststehenden Text gehabt, nicht aus der Welt zu schaffen vermögen. Herr Halevy hätte sich damit bescheiden müssen, aus den halachischen Schriften Material zur jüdischen Geschichte zu liefern und von seinen verdienten Vorgängern wissenschaftliche Zucht und Würde zu lernen, anstatt sich auf falsche Bahnen lenken zu lassen, die nicht zum Ziele führen. Wir lassen hier zum Schluß noch die beherzigenswerten Worte des Herrn Dr. Elbogen folgen, die sich die Orthodoxie stets vor Augen halten möge: „Es ist eine bedenkliche Selbsttäuschung, zu glauben, daß geschichtliche Forschung die Anschauung der Orthodoxie fördern könne; das eigentümliche System der Versteinerung, das sie in Deutschland sich schuf, kann nur durch Trugschlüsse aufrecht erhalten werden, deren leicht erweisbare Haltlosigkeit dem religiösen Empfinden unabsehbaren Schaden bringt. Die Thatsachen der Geschichte, nicht die Forscher, sind es, in denen die destruktive Tendenz liegt, die Ereignisse der Vergangenheit lehren, daß auch in religiösen Dingen gewisse Anschauungen und Formen, nach den Zeiten und Ländern, nach den politischen und sozialen Verhältnissen sich ändern. Wer eine Tendenz verfolgt, sie sei konservativ oder destruktiv, dem wird die Geschichte ihre Geheimnisse nie enthüllen, wer voreingenommen irgend welche Quellen unbeachtet läßt, wird zuverläßliche Kenntnis der Vergangenheit nie erreichen. Echte Wissenschaft hat tiefe Ehrfurcht vor'den Ueberlieferungen der Vergangenheit zur Voraussetzung; innere Wahrhaftigkeit und strengste Gewissenhaftigkeit bilden ihre Grundlage, Erforschung der Wahrheit ihr Ziel." _;_. Inhalt: Das Judentum in seinen Grundzügen und nach seinen geschichtlichen Grundlagen.— Bernhard Lazare über seine Erfahrungen in Rumänien. — Alexander Severus als Freund Israels und der Christenheit. — Christliche Lobredner des Alten Testaments. — Die Klagemauer in Jerusalem. — Die Juden auf Martinique. — Was lehrt uns Harnack. — Die Judenmagd Frommet. — Jochanan ben Sakai (Gedicht). — Monatsschau. — Referate und Mitteilungen. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Dr. Adolf Brüll; in Kommission für den Buchhandel bei Franz Benjamin Ausfarth; Druck von H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfurt am Main.