Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 4)
- Language
- German
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74 tums in sich schloß. Seit einigen Jahren scheint jedoch die kontinentale europäische Judenheit größeren Anteil an der Entwicklung des jüngsten überseeischen Zweiges des Stammes Juda zu nehnien und die Namen Cyrus und Felix Adler, Emil G. Hirsch, Markus Jastrow, Kaufmann Köhler, E. de Sola Mendes, Moses Mielziener, Jakob Vorsaenger, sowie — um aus dem Gebiete der Gelehrsamkeit und Theologie in das der Philanthropie und sozialen Reform überzugehen — diejenigen von Jakob H. Schiff, dem amerikanischen Rothschild und unbestrittenen Führer der amerikanischen Judenheit, Leonhard Lewisohn, Daniel Guggenheim, Henry Rice, Emanuel Lehman, Louis Stern, Isidor, Nathan und Oskar S. Straus, alle drei „Söhne eines Vaters", Mayer und Cyrus Sulzberger, endlich von Leo N. Levi, dem scharfsinnigen und energischen Präsidenten des Exekutivkomitees des B'ne B'rit-Ordens, sind heute den denkenden und leitenden Juden in Paris und Berlin, Wien und Warschau geläufige Namen. Vor der Schlacht bei Manila (1. Mai 1898) sahen die europäischen Marineminister und Admirale auf die amerikanische Kriegsflotte mit Geringschätzung herab. Man glaubte selbst in den maßgebendsten europäischen Kreisen, daß Amerika höchstens eine Handelsflotte besäße. Vor der mit so phänomenaler Geschwindigkeit erfolgten, endgiltigen Versagung der Spanier aus den Philippinnen, Cuba und Portorico hätte der preußische Gardeoffizier es als eine Beleidigung angesehen, wenn man den amerikanischen Soldaten mit ihm auf dieselbe Stufe gestellt hätte; die europäischen Höfe nnd Ministerien des Auswärtigen betrachteten und behandelten die Botschafter und Gesandten der Vereinigten Staaten als eine Art Generalkonsulen erster Klasse; die New-Iorker, Bostoner und Chicagoer Börsen spielten in den Manipulationen der europäischen Finanzkreise nur eine sekundäre Rolle. Heute ist das Alles gründlich geändert. Admiral Dewey steht ebenbürtig neben Nelson und Tegetthoff da; Colonel Theodor Roosevelt, der gegenwärtige Präsident der Vereinigten Staaten, kann sich mit dem kühnsten ungarischen oder französischen Kavallerie-Obersten messen; während der chinesischen Wirren war Washington der Mittelpunkt der Weltdiplomatie, und neben Carnegie, I. Pierpont, Morgan und Vanderbilt sinken die europäischen Finanzbarone zu Größen zweiter und dritter Ordnung herab. Heiße man es Vorsehung, Schicksal oder Zufall: es ist jedoch eine Thatfache, daß ich nach siebenjährigem, vergeblichem Suchen nach einem „Erlöser" der encyklopädischen Idee gerade an jenem welthistorischen Tage in den Verband der Funk und Wagnalls Company trat, und daß durch die so hervorgerufene Begründung einer herrlichen und bleibenden Stätte für jüdische Wissenschaft auf amerikanischem Boden ein Wendepunkt auch in der Entwicklungsgeschichte des amerikanischen Judentums geschaffen wurde. Seit jenem Tage begann das Ansehen des letzteren in den Augen der europäischen Juden zu steigen; man sah nicht länger in Wien, Berlin und Breslau auf die amerikanischen Rabbiner als auf eine bunt zusammengewürfelte