Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1901)
- Date
- 1901-12-01
- Page
- Seite 287 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969918--6473-2975814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die reiche Mannigfaltigkeit der synagogalen Andacht unser Erstaunen erweckt, während in der Prosa das Abstrakte vor dem Konkreten hervortritt. — Man wird diese Blätter wohl keiner orthodoxen Liebhabereien zeihen. Bei aller Pietät vor dem Alten, die uns wie irgend jemand durchglüht, stehen wir da nicht auf Seiten des Alten, wo dieses das Recht des Lebenden zu verkümmern droht. Da, wo die Gegenwart Glut und Begeisterung sucht, und das Alte die Kinder der Gegenwart kalt läßt und keine Glut und Begeisterung zu schüren vermag, da halten wir es für unsere Pflicht, unsere noch so innige Pietät vor dem Alten zum Schweigen zu bringen. Gerade unsere Pietät vor dem Alten sagt uns, daß das Alte niemals Form, sondern immer Geist, niemals Tyrann, sondern stets Mittel zum Zweck sein will. Die poetische Bearbeitung Goldschmidt's in engster Anlehnung an das alte Gebetbuch zeigt uns, daß auch die Ansprüche des Freisinns und Fortschritts nicht nur erfüllt, sondern vielleicht sogar übertroffen werden. — Wenn das Alte alle unsere Ansprüche an religiöse Erhebung und Erbauung erfüllt: sollten wir uns da ablehnend verhalten, blos darum, weil es das Alte ist? Weil des Alte dadurch zu Ehren kommt? Wie auch der mündige und reife Sohn mit Sehnsucht nach dem Vaterhause blickt und nur verlangt, daß das Vaterhaus die Thatsache anerkenne^ daß der Sohn den Kinderschuhen entwachsen sei: so begrüßt es der freisinnige Israelit mit innigster Freude, wenn er in den Denkmälern unseres Altertums einen erquickenden Quell für seinen Durst nach auf der Zeit stehender Erhebung findet. Jedenfalls werden unsere freisinnigen Bestrebungen auf dem Gebiete der Gestaltung des Gottesdienstes Goldschmidt's poetische Bearbeitung des Gebetbuches mit in Berechnung ziehen. Wir möchten diese Besprechung nicht allzusehr in die Länge ziehen und ersparen es uns darum lieber auf spätere Nummern, noch einige Proben aus dem Goldschmidt'schen Gebetbuche zu bringen. — Zum Schlüße wollen wir nur noch ein Gedicht hier wiedergeben, das uns auch den hohen Standpunkt vor's Auge stellt, von dem aus der Dichter und Rabbiner sein schönes Werk unternommen. Der Wert des Gottesglaubens (Emeth wejazib): Ich, der Ewige, bin euer Gott! Wie ist so wahr, so vielbewährt Dies heilige Glaubenswort: „Der Ewige ist unser Gott!" Wie auch der Zweifel nagt und zehrt, Ich wahre meinen Hort: „Der Ewige ist unser Gott!" Wie ist so lieblich, so angenehm Dies heilige Glaubenswort: „Der Ew'ge ist unser Gott!"