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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-12-01 · Heft 12 (1.12.1901) · p. Seite 284

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 12 (1.12.1901)
Date
1901-12-01
Page
Seite 284 (sequence 20)
Language
German
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284 Poesie des Gebetbuches" macht dies begreiflich, denn das ist eine Lebens-Arbeit! Der „Dichter" hat sich in den Dienst des „Rabbiners" gestellt, dem der religiöse Jndifferentismus unserer Zeit seine höchste Aufgabe vorschreibt. — Aber „Herr" und „Diener" stehen im besten Verhältnis zu einander; der „Rabbiner" läßt dem „Dichter" volle Freiheit, denn er ist einsichtig genug, um zu wissen, daß er dem Judentume am besten dient, wenn er dem „Diener," der Muse, keinen Zwang anthut. Das ist es, was diese poetische Bearbeitung des Gebetbuches auszeichnet: Während der Kenner des Hebräischen und des Gebetbuches staunt, wie eng sich der Dichter an das Original halten konnte, wird der Laie den Eindruck haben, daß er lauter Original-Dichtungen vor sich habe, und nur durch den nebenstehenden hebräischen Text wird er erfahren, daß es Übertragungen sind. — Freilich ist das ein Vorzug, den man auch der Petöfi-Übersetzung f. Z. nachgerühmt hat. Wer unsere Glaubensgenossen kennt, weiß aber, daß dieser Vorzug nirgends von größerer Bedeutung ist, als wo man dem Juden sein Judentum nahe bringen will. Hier darf man die Absicht beileibe nicht merken. Folgende Probe zeigt uns, daß der Rabbiner dem Dichter im Dr. Goldschmidt nicht nur die Freiheit läßt, sondern auch die erhabensten Stoffe liefert. Wir entnehmen diese Probe dem Mussaph- Gebete des Neujahrfestes. — Das Mussaph des Neujahrfestes unterscheidet sich von dem der andern Feste durch die Einschaltung der „Malchijaus", „Sichraunaus" und „Schauphoraus", welche Goldschmidt als „Gott", „Geschichte", „Offenbarung und Messias-Reich" behandelt. Wir geben hier als Probe das zweite. Geschichte: Der Mensch, den Du in Deinem Ebenbilde. O Gott, erschufst': wie hoch ist er gestellt! Er streift in der Vergangenheit Gefilde; Er prüft den Lauf, den Stoff der Sternenwelt. Kein Maß und keine Schranke kennt der wilde Erkenntnisdrang, der seinen Busen schwellt: Das ganze Weltall will sein Geist durchschauen, Nach fernsten Ufern will er Brücken bauen. Und doch: wie ist dem schwachen Menschengeiste So wenig kund von der Unendlichkeit! Wie wenig weiß man! Vergessen ist das Meiste Von der Geschichte der Vergangenheit! Und wie das Denken auch das All umkreiste: Der Dinge Wesen nie enthüllt die Zeit! Und ist das Heut', das Gestern nicht verborgen: Ein dichter Schleier hüllt stets ein das Morgen!

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