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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-10-01 · Heft 10 (1.10.1901) · p. Seite 223

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 10 (1.10.1901)
Date
1901-10-01
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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223 steiler und Lehrer Frankreichs. Marillier verbreitet sich zuerst über die Aufgaben des Katholizismus und Protestantismus, und geht dann zum Judenthum über, das er folgendermaßen bespricht: Ich frage mich, ob wir nicht bald die unbewußte und langsame Schöpfung einer Art von Laienreligion sehen werden, die weder katholisch noch protestantisch ist, und deren Kern in einer Krystallisation jüdischer Ideen bestehen würde. Der Jude hegt die bemerkenswerte Anschauung, daß, ganz im Gegensätze zu dem Worte des Evangeliums, düs Reich Gottes von dieser Welt ist. Dem Göttlichen dienen, das heißt die Gerechtigkeit hienieden verwirklichen. Und das beste Mittel, das zu erreichen, besteht darin, daß man sich Rechenschaft darüber ablegt, in welcher Umgebung man lebt. Die Gerechtigkeit verwirklicht durch die Wissenschaft und durch den Menschendienst, das ist die Quintessenz der jüdisch-liberalen Anschauungen. Lassen sie mich Ihnen eine prachtvolle und oft zitierte Stelle von James Darmsteter ins Gedächtnis rufen, wo dieser die Propheten Israels heraufbeschwört, deren Geist wieder aufersteht und sich durch das neue Jahrhundert verbreiten wird. „Es ist nur ein geringer Unterschied, daß die Propheten im Namen Gottes gesprochen haben und daß die moderne Zeit im Namen des menschlichen Gedanken spricht. Ihr Gott, war ihr eigenes zum Himmel erhobenes Gewissen. Sie haben all das geliebt, was wir lieben, und ihr Ideal war mit keinem Opfer der Vernunft oder des Gewissens verbunden. Ihr Gott wollte weder Altäre, noch Opfer, noch Gesänge, sonder nur, daß das Recht wie Wasser hervorsprudele und die Gerechtigkeit >vie ein unversiegbarer Strom. Dadurch daß sie an die Gerechtigkeit mit aller Inbrunst glaubten, haben sie sie in der Geschichte in Gang gebracht. Sie hatten einen Schrei des Mitleids für alle Unglücklichen, der Rache für alle Unterdrücker, des Friedens und der Eintracht für alle Völker. Sie haben nicht zu dem Menschen gesagt: Diese Welt taugt nichts. Sie haben ihm vielmehr gesagt: Die Welt ist gut, so sei auch Du gut, gerecht, rein. Sie haben zum Reichen gesagt: Du sollst nicht den Lohn des Arbeiters zurückhalten; zum Richter: Du sollst treffen, ohne zu demütigen; zum Weisen: Du bist verantwortlich für die Seele des Volkes. Und sie haben mehr als einen gelehrt, für das Recht zu leben und zu sterben. Kurz sie haben auf die Zukunft, mitten durch alle Stürme der Gegenwart, den Friedensbogen einer unermeßlichen Hoffnung geworfen: die strahlende Vision einer besseren Menschheit, die besser geschützt ist gegen Tod und Uebel, die weder Kriege noch ungerechte Richter kennen wird, wo das göttliche Wissen die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Grund des Ozeans bedecken und wo Mütter nicht mehr für einen plötzlichen Tod gebähren werden. Träume. der Seher, heutzutage Träume der Forscher." Dieser prophetische und praktische Positivismus wird wahrscheinlich in nächster Zukunft eine bedeutsame Rolle spielen. Aus dem alten Judentum entsproß schon das Christentum und der Islam; wir werden vielleicht einen neuen grünenden und kraftvollen Ast erscheinen sehen. Das Judentum strebt jetzt nach dieser Richtung

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