Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1901)
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 221 — geweihter zu sein. Das Scheermesser ist über das Haupt das Judentums gekommen und hat das Judentum kahl gemacht und matt und farblos und saftlos. Nicht den Freisinn schelte ich, nicht den Fortschritt, nicht die Entwicklung des Judentums in diesem Jahrhundert, aber die Gleichgiltigkeit, die Begeisterungslosigkeit, die Kraftlosigkeit in unserer Mitte. Kalt sind sie geworden, frostig, ablehnend gegen jeden großen Gedanken. Kein Schimmer von Verständnis dämmert ihnen auf für die klassische Größe des Judentums und seine weltgeschichtliche Bedeutung. Erdrückt von der Bürde des Alltagslebens glauben sie an nichts, was die Alltäglichkeit überragt. Philister sind sie geworden. Wehe, wehe! Philister über dir, Judentum! Das sind die grundgescheiten Leute, die überall sprechen: Was soll man thun? Es nützt ja doch nichts! Das sind die Achselzucker, die sich für nichts erwärmen, für nichts begeistern lassen. Sie wollen nicht, daß etwas Großes geschehe, und darum glauben sie an nichts Großes und treiben das Judentum der Auflösung entgegen. Nicht äußere Feinde, deine eigenen Kinder haben dich kraftlos gemacht, mein Judentum! Und andere wieder möchten ihr Judentum wie ein Verbrechen verheimlicheu, und für Nichts verraten sie die tausendjährige Fahne ihres Volkes, oder führen, weil sie selbst sich der Lüge schämen, ihre Kinder, die Unmündigen, zur Lüge, zerreißen des Blutes heilige Bande, geben ihren Brüdern, ihren Vätern in den Gräbern, wenn ich so sagen darf, einen Schlag in's Gesicht, indem ihr Thun besagt: Euere Gesellschaft ist mir nicht gut genug für meine Kinder! Jammert euch nicht der Schmach? Siehe, sie haben dich geblendet, mein Judentum, sie haben dich in den Kerker geworfen, sie haben dich gefesselt mit zwiefach eherner Kette und lassen dich im Winkel in Sklavenkleidern sitzen. Siehe, sie sind fromm geworden vor fremden Altären, deine Kinder, und feiern ihrem neuen Gotte Dank- und Freudenfeste. Siehe, sie verspotten dich, deine Kinder und belustigen sich: „Spielt auf, ihr Musikanten, spielt auf dem Judentum zum Totentanz!" — „Das Haar seines Hauptes aber fing wieder an zu wachsen, nachdem es abgeschnitten war." Dünkt es euch nicht auch also? Die quellende Lebenskraft, regt sie sich nicht wieder im tiefen Grunde? Die besseren Elemente, wenden sie sich nicht dem Judentums mit wärmerein Herzen wieder zu? Die Jugend unseres Volkes — soweit ihr das Bewußtsein ihres Stammes nicht früh gewaltsam aus der Seele gerissen ward — die Jugend, unsere Hoffnung, unsere Zukunft, die Jugend auf den Hochschulen draußen, fliegt sie nicht mit offener Seele ihrem Volke wieder entgegen? Dünkt es euch nicht auch also?