Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1901)
- Date
- 1901-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Buch, mein Volk, dein Buch, das deine Väter geschrieben und gesungen, das in seinem alten und in seinem neuen Teile den Atem unseres Volkes atmet, dein Buch sei gar nicht dein sondern ihr Buch; da kamen die Völker, die du reich gemacht mit deinen Schätzen und hetzten dich in Not und Tod und mauerten dich ein, lebendigen Leibes und stellten Hohn und Schimpf als Wächter vor dein Grab; und als du nicht sterben wolltest, ätzten sie Brandmarkung in dein zuckendes Fleisch. Vom Stöhnen deiner Gemarterten erschollen die Kerker, vom Hülfruf deiner Verjagten hallten die Dörfer, vom Blute deiner Getöteten rötete sich die Erde. Fünf Jahrhunderte währte die grausige Nacht- Aber als die Nacht vorüber war, und das Morgenrot graute, stand das Judentum auf und zerriß die Ketten seiner Schmach und stieg aus seinem Kerker empor und richtete auf den gebeugten Nacken, und es regte sich in ihm ein gewaltiger Dräng nach Entfaltung seiner Kraft; denn seine Kraft war nicht von ihm gewichen. Und wiederum kam der Geist der Verführung zum Judentum geschlichen und sprach.: Schon dreimal hast du mich getäuscht und mir nicht gesagt, worin deine große Kraft besteht. Und es geschah, wie die Verführung in das Judentum drang und es quälte mit ihren Reden, da wurde das Judentum müde bis zum Sterben und es verriet ihr Alles und sprach: Nie ist ein Scheermesser auf mein Haupt gekommen, denn ein Gottgeweihter bin ich vom Mutterschoße an. Da nun die Verführung sah, daß es ihr gelungen sei, und daß das Judentum alles an sie verraten habe, da schläferte sie es ein und ließ ihm die sieben Locken abscheeren, bis seine Kraft von ihm wich. Dan» rief sie: „Philister über dir, Judentum!" Wir stehen an der Schwelle der Gegenwart. Nicht Not und Tod haben dem Judentum seine Kraft gebrochen. So lange es ein Gottgeweihter war, so lange kein Scheermesser über seinen stolzen Gottesglauben gekommen war, so lange ein großer Zug durch das Judentum ging, so lange, bei aller äußeren Erniedrigung, ja selbst Unkultur eine innere Größe, eine innere Kultur in ihm waltete, — so lange vermochte Nichts seine Kraft zu töten. Hatte man unsere Väter erniedrigt, so erhoben sie sich in ihrer sonnigen Gottesbegeisterung, hatte man die Luft ihnen geraubt, so atmeten sie in der Luft ihrer Gottesleidenschaft. Gott war die gigantische Leidenschaft, die in der Seele unseres Volkes brannte, ein Gottgeweihter fühlte es sich vom Mutterschoße an, und dieses ideale Bewußtsein, dieser große Gedanke befreite es von den Fesseln der erbärmlichen Wirklichkeit, von der Engeund Unwürdigkeit, von der Menschenfurcht, von der Zerissenheit des Lebens. . In unseren Tagen aber ist das Scheermesser über das Haupt des Judentums gekommen, und seine Kraft ist von ihm gewichen, und es hat aufgehört, ein Gott»