Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1901)
- Date
- 1901-08-01
- Page
- Seite 190 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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meinsamen Vater und Beschützer, in anderer Weise verehren, als wir. Ich achte daher auch Ihre religiöse Ueberzeugung, denn es ist nicht nothwendig, erst zu betonen, daß der mosaische Glaube, der sich durch seine Reinheit vor allen Religionen des Altherthums auszeichnet, als der von Gott und seinen Propheten verkündete Glaube das Vorbild und der Vorgänger unseres Glaubens war, den Gott durch seinen heiligen Sohn gelehrt und verkündet hat. Die Heiligen des alten Testamentes sind ja auch die unserigen, und die Propheten des Alten Testamentes sind auch unsere Propheten. Wenn auch mit dem Abschlüsse des alten Bundes unsere Wege auseinandergehen, so wird uns das nicht daran hindern, daß die brüderliche Liebe, die Liebe der Kinder Gottes, uns gegenseitig beseelt." — Großes Interesse wird in der wissenschaftlichen wie in der Laienwelt eine geniale Entdeckung Hervorrufen, welche der Direktor des Baron Königswarter'schen Israel. Slindeninstitutes auf der Hohen Warte bei Wien, Herr S. Heller, gemacht hat. Derselbe hat neulich an zwei blindgewordenen Knaben, die ihm zur Behandlung nach Wien gebracht worden waren und deren Augen nach vorausgegangenen augenärztlichen Untersuchungen und Befunden als normal gesund erklärt wurden, eine psychische Blindheit vorausgesetzt und diese durch lange, sorgfältige Behandlung auf dem Wege der Heilpädagogik, ähnlich wie der so häufig vorkommenden psychischen Taubheit zu einem gewissen Sehvermögen gebracht. Herr Direktor Heller hat die ganze Darstellung dieses merkwürdigen Falles in der „Wiener Klinischen Wochenschrift" veröffentlicht und wenn auch heute dieser Erfolg noch nicht hinlänglich erklärt werden kann, so eröffnet sich doch eine große Tragweite für die Zukunft vieler blindgeborenen Kinder, deren Schicksal auf dem von Direktor Heller betretenen Wege der Heilpädagogik sich wesentlich zum Bessern gestalten kann. — In Frankreich hatte der Beginn des neuen Jahrhunderts den Anlaß zu vielen politischen und kirchlichen Kundgebungen geboten. Auch innerhalb des französischen Judenthums war dies der Fall und es verdient hervorgehoben zu werden, daß bei den in den Pariser größeren Synagogen allwöchentlich stattfindenden Religions-Konferenzen, die an und für sich einen gottesdienstlichen Charakter haben, anläßlich der Jahrhundertwende das nachstehende Gebet verrichtet wurde, welches wie folgt lautet:' „O, Weltenherr, im Augenblicke, da wir aus einem scheidenden Jahrhundert in ein neues treten, flehen wir zu Dir, der Du die Geschicke des Weltall lenkest, breite Deine Segnungen aus über die kommende Zeitperiode! Groß war das scheidende Säculum durch seine Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und durch die Arbeit großer Geister, um das Elend unter den Menschen zu mildern und Gerechtigkeit hienieden mehr herrschen zu lassen: aber die Mächte des Bösen haben noch nicht die Waffen gestreckt und hören nicht auf, sich fühlbar zu machen. Die Unwissenheit und Bosheit haben viel Unheil, viel Jammer, viel Thränen verschuldet. Wir mußten es ansehen, wie das Recht unzähligemale geschändet und die Unschuldigen verfolgt und geächtet wurden, während Missethäter auf dem Ruin Deiner besten Kinder ihr J