Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1901)
- Date
- 1901-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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159 gezogen hatte, war das Thor, das man Sandthor nennt, geöffnet, von dem französischen Heere und den übrigen Bewohnern der Stadt gingen viele auf zwei bis drei Meilen und brachten etwas Nahrung in die Stadt, wir aber zollten dem Heiligen, gelobt sei er, Preis und Dank, der uns inzwischen vor dem Hungersnot errettet hat. Sonntag den 24 d. M. (23 September) erwirkten die Gemeindevorsteher mit Gottes Hilfe, daß die Gemeiydeangehörigen von Morgenanbruch an wie von je- und. altersher zu dem Bußgottesdienste gehen; am 1. Tage, an dem dieser begann, rief man im Aufträge der französischen Befehlshaber in allen Judengassen aus : Wer aufs Land gehen will, der hat die Erlaubnis dazu und die Thore stehen offen dem, der seines Weges gehen will. Da meinten die Mitglieder der Gemeinde Libna. daß die Wege wiederum so wie früher sind und da liefen ungefähr an 30 Personen, Männer, Weiber, Jünglinge und Jungfrauen, in die Gemeinde Libna. Als sie aber dorthin kamen, schrieen ihnen österreichische Soldaten, nämlich Husaren, zu, wer sie seien und woher sie seien, daß sie es wagten, außerhalb der Stadt, zu gehen. Vor Angst und großem Schrecken, der sie befiel, liefen sie vor ihnen davon; die Husaren aber, die es verdroß, weil sie davon gelaufen waren, ohne ihnen Rede zu stehen, schossen ihnen nach mit den Rohren, die man Flinten nennt, so daß ein Herr, namens Chanah Kazzaw/) ein Jüngling aus Prag, Namens Wolf, b. David Lowitiz, Diener bei den Gemeindevorstehern und eine Frau tot niederfielen. Als die Übrigen diese wegen unserer vielen Sünden erschlagenen Juden sahen, blieben sie auf ihrem Platze, die Soldaten, Husaren kamen und brachten sie in das Dorf Wysocan (Wysitlan) zu ihrem Hauptmann, der sie untersuchte und fragte sie, waruni sie aus Prag weggezogen seien. Unter lautem Weinen erwiederten sie, daß sie in ihre Heimat gezogen wären, weil sie in Prag Hungers sterben. Darauf befahl jener Hauptmann den Husaren, daß sie ihnen bis in die Nähe von Prag das Geleite geben, sie kamen glücklich in unsere Gemeinde; in großer Klage und Bestürzung erzählten sie uns das obenerwähnte. Tags darauf ritten einige Tausend Franzosen nahe dem Wege um Stroh und Futter zu bringen - das sogenannte Fntteragieren — und da zogen einige Fleischhauer ans Libna mit einem Wagen dorthin und brachten die 3 Erschlagenen nach Prag, wo man sie begrub. Damals kaufte eine französische Christin eine Kleinigkeit bei Meir Harfner. In derselben Stunde nachher kam diese Frau in das Verkaufslokal und sagte, daß sie zehn ung. fl. vergessen habe; sie fand sie in einer Winkelecke, an dem Orte wo sie sie verloren hatte, nahm ihre zehn ung. fl. und ging auf die Wache; auf ihre Angabe, daß die Jüdin sie ihr gestohlen habe, brachte man diese in*Haft. Ihr Mann wie ihre Kinder gingen zu den Metzer Juden und verlangten unter vielem Flehen, daß sie gehen und für die Frau sich verwenden; diese versicherten, daß sie gehen werden, doch nach 48 Stunden um 2 Uhr Nachmittags verbreitete sich die Nachricht bei den Einwohnern *) Fleischhauer.