Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969917--6427-2975585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
242 Schammai weigerte sich, und ich glaube mit Recht, den Heiden die Essenz des Judentums zu lehren, während er auf einem Fuße stehe, indem er ihm dermaßen bildlich die Überzeugung beizubringen suchte, der reiche Gehalt des Judentums könne nicht auf den knappen Allsdruck einer epigrammatischen Sentenz gebracht werden. Der weise Hillel aber, der mehr Entgegenkommen zeigte und dem Fragenden zur Antwort gab, das Wesentlichste des jüdischen Gesetzes sei in dem Ausspruch enthalten: „Was Du nicht willst, das man Dir thu', das füg' auch keinem Andern zu", sieht sich genötigt, hinzuzufügen: „Der Rest ist der Kommentar, gehe hin und studiere". In ähnlicher Weise müssen wir die Frage nach dem Wesen des Judentums dahin beantworten, daß es zwar in erster Linie und vor Allem in der Liebe zu Gott und zur Menschheit bestehe, womit aber ein iveiter und reicher Kommentar in Verbindung stehe, ohne den diese Doctrin beinahe unverständlich sei und sich von anderen religiösen Doctrineu nicht unterscheiden lasse. Ihr, die ihr die Wahrheit suchet, gehet hin und lernet. Der Inhalt des Judentums läßt sich nicht in einem einzelnen Satze oder einer einzelnen Erklärung fixieren. Es ist keine Doctrin, kein Gesetz, kein Prinzip. Es ist eine Philosophie, beinahe eine Wissenschaft über das Universum, über seine Schöpfung, seine Regierung und seine Erhaltung. Es ist eine Philosophie über Welt- und Menschenleben. Judentum ist nicht das Erzeugnis eines Geistes, es ist nicht das Produkt einer Stunde, nicht das plötzliche Aufkeimen einer Pflanze ohne Knospe, Zweig oder Baum. Judentum ist die Entwicklung religiöser Gedanken von der mystischen, abergläubigen Anbetung der Bäume und Steine, der Götzenbilder, der Naturerscheinungen zur erhabenen Erkenntnis eines geistigen Gottes, welcher der allmächtige Schöpfer, Gebieter und Erhalter des Weltalls ist. Wir wissen nicht, wie lange die Menschheit im Finsteren tappte; wie lange sie Donner und Blitz, Wind und Steine anbetete. In Abraham endlich regte sich ein höherer Geist, eine edlere Auffassung Gottes und der Menschheit, noch deutlicher in Isaak und Jakob, bis sich Moses und seinem Volke, Jehovah in seiner Einheitlichkeit offenbart. Für Israel nahm Jehovah nunmehr die Stelle der alten Götzen ein, der Penaten und Hausgötter und der andern Idole der Mythologie. Er ward ihnen Liebesgott wie Cupido, Kriegsgott wie Mars, Gott der Weisheit wie Minerva, der höchste und erhabenste Gott wie Jupiter. Er teilte die Wasser des roten Meeres, befreite Israel vom Joche der Sklaverei, trug es auf Adlersschwingen zum Sinai, sprach zu ihm durch Donner und Blitz und gab ihnen sein Gesetz. Er befahl ihnen, sich zu seiner Heiligkeit zu erheben, er wies ihnen den Pfad der Treue und Gerechtigkeit, der Liebe und der Gnade, er zeigte ihnen, wie sie ihr Denken, ihr Fühlen und Handeln adeln und heiligen konnten. So wurde Jehova für Israel der Mittelpunkt seines täglichen Lebens und regelte die wechselseitigen Beziehungen seiner Mitglieder; bestimmte ihre Nahrung,