Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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218 arg vernachlässigt, obgleich gerade dieses ein hohes praktisches Interesse hat, indem es in seinen Zielen von sittlichen Prinzipien geleitet war und vielleicht den einzigen Fall im Altertum darbietct, wo das regelnde Gesetz früher da war als die Entwickelung. Manche Nationalökonomen, z. B. Max Weber gingen der Darstellung des jüdischen Lebens direkt aus dem Wege, weil die Bibel dasselbe nur vom religiösen Standpunkte ans betrachtet und den wirtschaftlichen an einzelnen zerstreuten Stellen nur insoweit berücksichtigt, als er sich jenem nnterordnen läßt. Andere Schriftsteller suchten nnd fanden in den vieldeutigen Anssprüchen der Propheten nur ihre eigenen Ideen, so erblickt z. B. Ber, der mit Marx die ganze Weltgeschichte für nichts weiter als eine Geschichte von Klassenkämpfen hält, in den Propheten nur die großen Führer des altisraelitischeu Proletariats. Leider war einer der ersten, der sich mit dem jüdischen wirtschaftlichen Problem eingehend beschäftiget hat, derHofprediger Stöcker, was der Entwickelung der Wissenschaft zur Objektivität nicht zum Vorteil gereicht haben durfte. Unter den Gelehrten, die sich in neuester Zeit, etwa seit 1890 mit der jüdische» Wirtschaftsgeschichte als solcher beschäftigt haben, sind besonders Memminger, Ruhla«, Adler und Buhl zu nennen. Nun hat es ein Münchner Gelehrter, Dr Franz Walther, der als Vertreter der ethischen Richtung in der National- Oekonomie mit seinem Buche „Sozialpolitik und Moral" und außerdem durch seine Studien über die ökonomischen Theorieen des Thomas v. Aquino sich bekannt gemacht hat, unternommen, in einem Buche die Stellung der Propheten zum damaligen Wirtschaftsleben unter dem in der Aufschrift genannten Titel (Freiburg, Herdersche Verlagsbuchhandlung) deutlich und prägnant darznstellen. Wenn der Autor hauptsächlich das social ökonomische Wirken der Propheten schildern will — was er übrigens nicht wörtlich befolgt, da er auch ihrer rein ethnisierenden Wirksamkeit viele Kapitel widmet, — so ist er sich dessen vollauf bewußt, daß damit die Thätigkeit dieser gewaltigen Männer keineswegs erschöpft ist. Der Brennpunkt ihrer Gedanken ist die Verinnerlichung des Menschen und die Vervollkommnung des Volkes und der Menschheit zum sittlich religiösen Ideal. Wenn sie gegen die in Palästina eingerissenen socialen Mißstände eifern, so geschieht es nur deßhalb, weil es einerseits Symptome und andererseits immer neu gebärende Ursachen sittlicher Gebrechen sind. Die Propheten stehen nicht wie etwa später die Essäer, ferne vom alltäglichen Leben, ihr Herz glüht für alle Ideale, aber ihr Auge blickt scharf in die Wirklichkeit. Ihr Wirken zielt auf die Durchdringung des ganzen Lebens mit der Idee, und in dieser ungeheuren Vereinigung wo Idealität und Realität, in ihrem Grundsätze der Verwirklichung der sittlichen Normen im ganzen praktischen Leben, liegt ihre kolossale Bedeutung. Sie sind, wie Döllinger sagt, „das Person gewordene Gewissen des Volkes;" was die jüdische Nation für andere Völker sein sollte, ein Spiegel, eine beständige Mahnung, das waren ihm selbst, als es diese seine Aufgabe vergessen hatte, die Propheten.