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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-09-01 · Heft 9 (1.9.1900) · p. Seite 199

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 9 (1.9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
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- 199 — der Humanität und Sittlichkeit alle jene zahllosen Kleinigkeiten äußerlicher Formen, die während der Nacht vergangener Jahrhunderte leuchtend und leitend waren. Mag immerhin eine an veralteten Formen hängende sogenannte Frömmigkeit ihr Verdammungsurteil und einen nimmermehr zündenden Bannstrahl auf diese Art der religiösen Erziehung schleudern, mag jene immerhin, an entseelte, aber ihr immer noch teuere Ueberreste krampfhaft sich anklammernd, diese Weise tugendhafte Menschen h-ranzubilden, für eine verderbliche und gottverhaßte halten, wir, die wir Kinder einer neueren Zeit sind, welche mit Recht von uns verlangen kann, daß wir auch sie achten und sie berücksichtigen» wir wollen unserer besseren Ueberzeugung folgen und die Erfahrungen vergangener Zeiten benützend die, Jugend lehren, Gott zu lieben, die Tugend zu lieben und die Menschen zu lieben, wenn auch ihre Meinung von der unsrigen abweicht, denn wir alle sind dem Jrrtume unterworfen, und das edlere Streben, der gute Wille und das gute Herz finden ihre Anerkennung vor dem, der über allen Irrtum erhaben ist, vor dem, der den bloßen Schein haßt und das Herz und die Nieren prüft, vor dem gerechten Richter. Um so mehr aber ist jene Lehre des heutigen Erziehers heiligste Pflicht, als nur auf diesem Wege jener moralischen Verderbtheit entgegengewirkt werden kann, welche als die Nachteile der freieren Entwickelung und Stellung angesehen werden muß. Denn während der Druck im alten Ghetto notwendig Abgeschlossenheit, zurückgezogenes und gedrücktes Leben bedingte, während die Askese vergangener Zeiten den sinnlich materiellen - Teil des Mensch zurücktreten ließ, ist auf der anderen Seite das freiere Princip 4 der neueren Zeit noch nicht allseitig in seiner Reinheit zum Durchbruch gekommen, ' \ indem man oft Freiheit mit zügelloser Willkür verwechselt, die im übermütigen Sichgehenlassen nur den Genuß des Augenblicks, nicht das bittere Gefühl des Vorwurfs uud der nachhinkenden Reue vor sich sieht. Und gleich wie bei grassierenden Krankheiten, die Arzneikunde es anrät, verhütende Mittel zu nehmen, damit das Uebel bei den noch Gesunden unmöglich werde, also muß die Erziehungskunst der Jugend geistige Mittel eingeben, wodurch die moralische Krankheit, die in der Atmosphäre unserer Uebergangszeit begründet ist, von den noch unangesteckten 4 Herzen für immer fern gehalten werde. Ich enthalte mich hier das Bild eines' jungen Mannes weiter auszuführen, der ohne das Glück mit gediegenen Grundsätzen : erzogen worden zu sein, der ohne Begeisterung, ja ohne Sinn für das Bessere heranwächst, der nicht ahnet, was die Zeit bewegt, was sie verlangt, und sie in seinem Eigendünkel zu begreifen meint, ich enthalte mich es näher auszuführen, wie ein solcher ein Spielball wird menschlicher Schwächen und Leidenschaften, immer fortgetrieben, ohne zu wissen wohin, gleich einer leichten Feder, mit welcher der Wind sein launiges Spiel treibt, ich enthalte mich die grellen Farben aufzutragen, die dem natürlichen Auge wehe thun; wer Augen hat, der mag das Urbild in der . Wirklichkeit sehen. — Mir sollte eS genügen, wenn ich, obgleich nur andeutend, doch einleuchtend gezeigt habe, wie notwendig es ist dem empfänglichen Herzen der

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