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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-06-01 · Heft 6 (1.6.1900) · p. Seite 132

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 6 (1.6.1900)
Date
1900-06-01
Page
Seite 132 (sequence 12)
Language
German
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132 da schütteln wir die Last des Erdenstaubes von uns ab und vermögen Herz und Sinn zu weihen den Worten unserer Weisen, „Diese Welt ist nur eine Borhalle, bereite Dich würdig in ihr vor, auf daß Du einst einziehen kannst in den Palast." Wodurch aber können wir uns würdig vorbereiten für die zukünftige Welt, wodurch die Palme der Unsterblichkeit erringen? Die Antwort, — sie liegt ausgesprochen in einem einzigen Worte, und dieses Wort heißt — gemilus chesed „Nächstenliebe". Doch verschiedene Grade hat die Nächstenliebe. Die unterste Stufe derselben bildet das Mitleid. Israel hat durch 18 Jahrhunderte soviel geduldet und gelitten, daß „Mitleid" „Rachmonus“ ihm zur zweiten Natur geworden. Wohl kaum ein zweites Volk dürfte anzutreffen sein, dessen Herz so weich, so zartfühlend, so mitleidig ist, wie das des jüdischen Volkes. Kein jüdisches Herz ist so hart, daß es ungerührt blieb beim Leide des Nächsten. Gleichwohl aber ist „Rachmonus“ „Mitleid" nur die niedrigste Stufe der Nächstenliebe; denn bewußt oder unbewußt wirkt in uns der Gedanke, daß das gleiche Los, das gleiche Schicksal uns selbst treffen könnte. Darum, a. V., macht uns das bloße Gefühl des Mitleids, Rachmonus, noch nicht würdig, die Palme der Unsterblichkeit zu erringen. Ungleich höher dagegen steht die Pietät, die wir an den Verstorbenen üben; hier gilt das Wort unserer Weisen : Liebe an Toten geübt, ist wahre Liebe; denn sie ist uneigennützig, sie hofft nicht auf Entgelt; sie gilt dem Fürsten wie dem Bettler, sie macht keinen Unterschied zwischen arm und reich, und darum gleicht diese Liebe dem von Schlacken gereinigten Golde. Durch solche Liebe bereiten wir uns würdig vor für die zukünftige Welt. Doch der höchste Grad der Nächstenliebe ist die Humanität. Die Humanität betrachtet es nicht als eine Gnade, sondern als eine Wcht. dem Nebenmenschen zu helfen; die Nächstenliebe aus Humanität verbreitet Liebe und Glückseligkeit, weil sie das höchste Glück darin sieht, andere zu beglücken, die höchste Freude, andere zu erfreuen. Diese Nächstenliebe gleicht dem echten, hell leuchtenden Edelstein; doch findet sie sich nur da, wo Geist und Gemüt in wunderbarer Harmonie ineinander greifen. Durch .solche Nächstenliebe bereiten wir uns würdig vor, einst die Palme der Unsterblichkeit zu erringen; durch solche Humanität errichten wir hier auf Erden jene Himmelsleiter, die unser Stammvater Jakob im Traume einst gesehen, jene Leiter, welche die Erde mit dem Himmel verbindet. An der Spitze jener Himmelsleiter, da sehen wir . alsdann um die Gottheit geschaart unsere teueren Verklärten. Segnend breiten sie ihre Hände über uns aus und rufen uns zu: „Seid gesegnet aus den Himmels Höhen", denn durch Euere Pietät, durch Euere Werbe der Nächstenliebe ist «ns nicht bloß hier in des Himmels Höhen, sondern auch bei Euch auf Erden Unsterblichkeit gesichert. Und dieser Gedanke a. V., daß unsere Verklärten nicht tot, sondern nur ferne von uns sind, dieser Gedanke, daß sie weiter fortleben, — er gibt uns Kraft, mit Ruhe und Ergebung in den Willen Gottes all' der Lieben und Teueren zu gedenken, die uns vorangegangen sind in's „bes olam“, in das Haus der

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