Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969886--6011-2975335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sanken wieder nieder im Staube. Völker tauchten auf über den weiten Erdenkreis unbezwingbar, umoiderstehlich, und ehe ein anderes Jahrhundert seinen Kreislauf endete, waren sie wieder verschwunden, spurlos und vergessen. Nationen, einst groß, glanzvoll, beherrschten die Welt, schienen unvergänglich und ewig, und ehe der Zeitenzeiger der Jahre seine Runde im Jahrtausend gemacht, blieben sie kaum als historische Erinnerung lebendig. Soweit wir zurückblättern im Buche der Ereignisse, so tief sich unser Blick versenkt in das Meer der Vergangenheit, soviel wir forschen in den Annalen der Geschichte und Literatur der Menschheit, ein Hauch fortschreitender Verwesung weht uns mahnend überall entgegen, eine unabwehrbare Ahnung der Vergänglichkeit alles Irdischen dämmert auf im dunklen Nebel der Gedanken, ein Gefühl unendlicher menschlicher Ohnmacht beschleicht den denkenden Geist. Aber mitten in dem seltsamen Schauspiele des Vergänglichen, das der historische Griffel in einfachen, schlichten und doch so inhaltreichen Worten aufzeichnet, mitten in dem ewigen Wechsel neuer, fliehender Ereignisse, mitten in den brandenden Wogen wild drängender Verhältnisse, sehen wir ein Volk, gleich der Leuchte des Erdballs hervorragen, stehen gleich dem steinernen Felsen in der See unaufhörlicher Verfolgungen und gehässiger Anfeindungen, trotzen allen wilden Stürmen, die die weite Erde umtosten, .und je wilder es umbraust, je bitterer es verfolgt, je ärger es bekämpft ward, desto glanzvoller sich erheben, desto friedlicher sich ausbreiten, desto herrlicher sich entfalten, unzerstörbar, unvertilgbar und unvergänglich. Alles sinkt rings im Staube, alles schwindet, alles verwest, alles verfällt, vertrocknet, verdorrt, versiegt, verkommt, vergeht, vermodert ringsumher, nur dies eine Volk, das Volk der Juden steht unerschütterlich und fest unter allen Völkern, die den Erdball bewohnen und bewohnten, steht unwandelbar und unveränderlich in den Zeiten des rauhesten Heidentums, der wildesten Barbarei, des finstersten Aberglaubens, und wieder in den Zeiten der raffiniertesten Mode, der superklugen Aufklärung, der grenzenlosen Gewissensfreiheit- Obwohl viel verfolgt, noch mehr verlästert, am meisten verhaßt, ging es nie und nimmer unter, überdauerte alles, was da war und lebte, ertrug alle Drang- und Mühsale, die der Völker Unverstand, Neid, Ehrgeiz, Thorheit und Bosheit in seine Lebenssphäre warf, mit Gleichmut, spottete jahrtausendlanger Verfolgung, und nach jedem Sturme, der es fortzureißen schien, erhob es sich mit neuer und frischer Lebenskraft wieder. Welcher geheimen Triebfeder entspringt diese wunderbare Erscheinung im Erdenvölkerleben? Welch' wundervoller Zaubermacht "entsproßt dieser unvergängliche, rege Bestand? Wo ist die verborgene Kraft, die unerschöpflich immer neue Lebensfrische in dies einzige Volk quellen läßt? Forschen wir in den Annalen der Jahrhunderte weiter. Wie der bunte Schmetterling von Blume zu Blume rastlos flattert, bald da, bald dort ans dem - süßen Blumenkelche trinkt, so sehen wir die meisten Menschen, Vereine, Stämme,