Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1900)
- Date
- 1900-05-01
- Page
- Seite 117 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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117 erZ'J*. Wein eingelagert hatten, so wurden die Helden durstig, tranken anderthalb Fuder Wein aus, schlugen die Fässer zusammen, oder schafften sie in ihre Keller." Merkte sucht also das Gebühren der Vorderländer geistlichen und weltlichen Standes gewissermaßen zu entschuldigen und ihre Handlungsweise gegen die Juden in einem milderen Lichte erscheinen zu lassen. Wir aber kennen vermöge der uns vorliegenden Urkunden den Beweis liefern, daß nur das stete Drängen von geistlicher und weltlicher Seite auf Ausweisung der Juden auf die große ungebildete Masse aufregend eingewirkt habe und dieses Beispiel von oben muß als Aufmunterung zu den verübten schmählichen Gewaltakten betrachtet werden. Ferner die Gesetzgebung, welche die Juden vom Kriegsdienst ausschloß, und sie hinderte, die schwerste Bürgerpflicht zu erfüllen, trägt auch den Teil der Schuld, die die Vorderländer trifft, daß sie aus Neid über die in diesem Punkte begünstigte Situation der Juden, die sie unter diesen Verhältnissen nie als ihre Mitbürger betrachten konnten, zu brutaler Gewalt griffen. Die erregte Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges hat in Verbindung mit den voraufgeführten Ursachen nur eine Frucht gezeitigt, deren Blüte wir heute nach fast anderthalb hundert Jahren wieder vereinzelt hervortreten sehen. Wenn heute, in Friedenszeiten, in der Metropole der Intelligenz der ordinärste Racenhaß gepredigt, der Fanatismus geschürt, der konfessionelle Streit entflammt wird; wenn in Berlin, wo schon im vorigen Jahrhundert Friedrich der Große sagen konnte; „In meinem Lande kann jeder nach seiner Facon selig werden," Judenexzesse möglich waren, welche von Leuten in Szene gesetzt werden, die die Zukunft für sich in Anspruch nehmen, und wenn heute noch Hetzreden und jüdische Wohlhabenheit hiureichen, um Blutdurst zu erwecken, der sich freilich vorderhand nur noch in Steinwürfen und Stockhieben Luft macht, dann müssen wir gewiß die unter ganz andern Verhältnissen verübten Gewaltakten der Vorderländer sehr milde beurteilen. Kehren wir nach diesen Abschweifungen zum Abschlüsse des Dramas zurück, in welchem die Judenkolonie in Sulz ihr Ende fand. Nach Zerstörung mehrerer Judeuhäuser setzten sich nunmehr deren Eigentümer in Bewegung. Nach den uns vorliegenden Akten erhoben die Hebräer Josle Levi, Salomons Sohn, mit seinem Sohn Jakob Levi und Tochtermann Jakob Wolf, dann Emanuel Wolf, Baruch Wolf, Josle Levi, Wolfs Sohn, Samuel Levi,'Wolf Levi, Josles Sohn und Levi Levi eine Entschädigungsklage von 16752 fl 21 kr., welche im Verläufe deS Prozesses bedeutend ermäßigt und von den Vermögensumständen, sowie nach dem Grade der Teilnahme an dem Verbrechen auf die Thäter umgelegt wurde. Die drei Hauptanführer büßten ihre Schuld mit Zwangsarbeit in Eisen, andere kamen in den Arrest, und viele wurden zu einer beträchtlichen Geldstrafe verurteilt. Nachdem die Forderungen der Juden ausgeglichen waren, verließen sie Sulz und siedelten zu ihren Glaubensbrüdern nach Hohenems über.