Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1900)
- Date
- 1900-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969884--5961-2975283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
--. .--*-v-;/■>:•’ überhaupt je in einem so kurzen Zeiträume auf; denn was hier geschehen ist, betrifft nicht bloß die Inden und' einige wenige Völker, sondern greift in das Leben gerade der wichtigsten Glieder der gesammten Völkerwelt aufs tiefste ein. Die Kulturvölker fühleü es auch sehr deutlich, daß, was jetzt unter den Juden vorgegangen ist und noch immer vorgeht, für sie von der höchsten Bedeutung ist. Wohnen doch die Juden unter den Nationen und besonders unter den führenden Völkern der Gegenwart zerstreut, und die letzteren können darum bei jenen nicht vorübergeh», sondern. verspüren immer gewaltiger, daß es sich bei ihrem Verhältnis zu den Juden um die höchsten Fragen ihres Kultur- Staats-, Gesellschafts- und Geistes- Lebens handelt. Wie ist es doch in alle dem gegen früher so anders geworden! Im Beginn des Jahrhunderts hielt die Juden noch zu allermeist der Rabbinismns und Talmudismus gefangen, welcher sie gleichsam ein Traumleben inmitten der übrigeil Menschheit führen ließ. Nur eben angefangen hatten Mendelssohn und sein Anhang in das Leben ihrer Umgebung einzutreten; aber die große Masse der Ihrigen wollte noch weiter in der alten, vielhundertjährige» Abgeschlossenheit von den Völkern dahingehen. Heute dagegen ist das Bestreben der Judenschaft fast bis in ihre entferntesten Wohnsitze hinein, an dem Leben der Nationen, unter denen sie augesiedelt sind, als deren Glieder sich allseitig zu beteiligen. Damals war man, von dem verhältnismäßig kleinen Kreise der Schüler des Berliner Philosophen abgesehen, beinahe völlig von der Überzeugung beherrscht, im talmudischen Wesen die wahre und völlige Befriedigung für das ganze Leben finden zu können. Heute empfindet man das jüdischerseits ganz überwiegend mir als Druck und lästige Schranke, als Hemmnis jedes wahren Glücks und als Entwürdigung des Geisteswie des Gemüts- Lebens. Wollen doch auch die Anhänger der modernen Orthodoxie unter den Juden von der früheren Isolierung nichts mehr wissen, sondern streben und jagen vielmehr wie die andern danach, alles, was die Völker besitzen, sich anzueignen, und sie bemühen sich dcibei nur dieses Neue mit etlichen alten Formen zu umgeben, welche ihnen die Beruhigung geben sollen, daß sie »och die Alten geblieben seien, während ihr Dichten und Trachten die entgegengesetzten Bahnen dahiugeht. — Damals lebte im Wesentlichen noch die gleiche Grundanschauung in der ganzen Jndenschaft, und diese hielt die zerstreuten Glieder derselben allenthalben mit einander verbunden. Von der Allgemeinheit sonderten sich nur einige Teile des Stammes ab; aber selbst diese, wie das besonders von den Chassidim des Ostens galt, standen im letzten Grunde mit den übrigen auf einem Boden. Heute herrscht im jüdischen Lager eine Zerfahrenheit sondergleichen. Keine Religionsgemeinschaft zeigt gegenwärtig so wenig Glaubensübereinstimmnug auf. Es ist geradeswegs unmöglich zu bestimmen, was gegenwärtig denn Judentum ist Ost nennt man als von den Juden festgehaltenes Dogma die Einheit Gottes; aber ob Gott persönlich oder nur als Idee und etwa phantheistisch zu denken sei, darüber gehen die Geister