Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1899)
- Date
- 1899-11-01
- Page
- Seite 259 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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259 Lebensende in Kischenew ungestört am Sabbath öffentlich predigen. — In der Synagoge zn Lentschitz entstand durch Herabfallen einer Lampe eine Panik. Zweiunddreißig Frauen und Kinder wurden tot aufgefunden und nebst dem gab es noch viele Verivundete. — Ein Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" wurde von dem Ober-Procuror des „heiligen Synods" K. $. Kobedonos;ew empfangen, der sich hierbei u. A. über sein Verhalten zu den Juden wie folgt äußerte: „Man stellt mich als einen Judenverfolger dar. Und Alles, was insbesondere in der Zeit des Czars Alexander III. gegen die Juden geschehen, das Ausland hat es auf meine Rechnung gesetzt. Nun, ich bemerke, daß die meisten dieser Maßnahmen gegen die Juden gar nicht in mein Ressort fielen. Ich führe weiter an, daß ich unter manchen hochgebildeten Juden Freunde zähle. Ich erwähne, daß die vor Kurzem verstorbene Baronin Hirsch in Paris mir eine Million Francs für russische Schulen zur Verfügung gestellt hatte. Und wie hätte sie, die Wohltäterin der Inden, dies gethan, wäre sie der Meinung gewesen, daß ich ein solcher Judenverfolger sei? So wenig wie die katholische Frage ist die jüdische Frage für mich eine religiöse. Wir sind in Rußland nicht so unduldsam, wie man im Auslande annimmt. Die jüdische Frage war uns stets nur ein wirthschaftlichcs. Problem. Der Jude in Rußland ist nüchtern, mäßig, heiratet gewöhnlich früh, führt ein geordnetes Familienleben, und alle diese Umstände machen ihn fähig, den Russen, der ihm oft nicht Hewachsen ist, zu exploitiren. Darum mußten wir in manchen Gebieten Rußlands Maßnahmen treffen, um den Juden bestimmte Wohnsitze anzuweisen. Als er vermöge seiner Expansion da und dort, wie etiva in Moskau, aus der ihm zugemessenen Wohnsphäre heraustrat, schritten wir gegen ihn ein. Doch die Gesetze der Menschlichkeit bestehen auch in Rußland. Sehe» Sie, zum Beispiel die Affaire Dreyfus . . ." Auf die Bemerkung des Interviewer: „Irre ich nicht, Excellenz, so ist diese Frage in Rußland vielfach ohne Voreingenommenheit behandelt worden", fuhr Pobedonoszew fort: „Gewiß, und traurig genug, daß eine-Frage, die nie aus dem Rahmen der - Gerechtigkeit und der Menschlichkeit hätte heraustreten sollen, vielfach von Juden und Gegnern der Juden in jüdischem oder jndenfeindlichem Lichte angesehen ward. Die Verhandlungen in Rennes haben für jeden objectiven Beurtheiler ergeben, daß Dreyfus unschuldig ist. Und als Unschuldiger wird er auch vielfach in Rußland angesehen. Zwei Momente sind es, die, wie mir scheint, vielen Franzosen maßgebend waren, den Unschuldigen abermals zu verurteilen: Erstens sollte ein gewisser Fanatismus es nicht zulassen, daß die cho8e jugee desavouirt werde. Zweitens galt es, in Voreingenommenheit das Renommee der Armee zu retten, welche Vielen berufen scheint, die gegenwärtige Ordnung der Dinge in Frankreich umzustürzen und ein stabiles monarchisches Regime an Selle des ewigen Wechsels zu setzen, den Frankreich heute sieht." In New-Uork soll im nächsten Jahre eine Religionskonferenz tagen, zu der alle im