Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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225 Beweis der ewigdauernden Liebe Gottes zu sein. Vergeltung kann in ihrer Natur sehr verschieden sein, es kann in der Vergeltung sehr viel Liebe liegen, sicherlich liegt sie in der Vergeltung, welche unsere Thaten über uns bringen. Daß man für irgend eine böse That ungestraft davon gehen sollte, würde heißen, die sittliche Ordnung des Weltalls zerstören. Gerade wie der ins Wasser geworfene Stein für immer fortfährt, Kreise zu ziehen, so ist es natürlich, anzunehmen, daß wir immer unter dem Einflüsse unserer Thaten bleiben. Ich möchte sagen, die ganze Welt würde in Stücke fallen, wenn wir den Gedanken der ewigen Vergeltung, in meinem' Sinne des Wortes, aufgäben, welche, da sie von Gott kommt, ewige Züchtigung und ewige Belohnung sein mnß. Ohne ewige Vergeltung würden wir keine Berührung mit Gott haben, die Welt würde gottlos, gottverlassen sein." „Haben Sie irgendwelche Vorstellungen von der Religion der Zukunft?" „Ich hoffe, sie wird immer einfacher werden. Wenn wir im alltäglichen Leben wissen wollen, was wir thun, was wir sagen sollen, brauchen wir nicht an Pontius Pilatus oder an Barrabas zu denken; wir sollten an einen kurzen Satz denken: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Das ist sehr kurz, aber es ist so weit, wie die Welt. Je kürzer ein Glaubensbekenntnis ist, desto besser und desto wahrer. Wir haben neununddreißig Artikel, und kaum einer von ihnen enthält irgend etwas über Religion. Sie enthalten eine Menge Theologie, das Ergebnis von Vergleichen zwischen verschiedenen Parteien — aber von Religion, Nächstenliebe, Liebe zu Gott nicht ein Wort. Und das nennt man die Artikel unseres Glaubens." „Glauben Sie, daß die gegenwärtig herrschende Neigung auf größere Einfachheit gerichtet ist?" „Bei gewöhnlichen Leuten wohl, aber nicht bei Bischöfen und Dekanen und auch nicht beim Papste. Der Papst fährt fort, Artikel zu Artikel zu fügen und glaubt, er verbessere die christliche Religion, während er in Wirklichkeit sie verdirbt." „Würden Sie sagen, daß der religiöse Geist im Wachsen oder im Sinke» begriffen ist?" . „Unglücklicherweise giebt es ein sehr reiches Wachstum der Theologie, welches geeignet ist, die Religion zu ersticken. Das ist selbst in Oxford der Fall. Aber die Religion läßt sich nicht töten, obgleich sie für eine zeitlang durch die Theologie erstickt werden kann." „Ich meinte, unter Leuten, welche außerhalb des theologischen Kampfplatzes stehen." „Es ist schwer zu sagen. Sie können nicht nach äußeren Kennzeichen urteilen. Es ist sicherlich sehr viel Barmherzigkeit vorhanden, und ich glaube, es giebt mehr Duldung, mehr Güte." „Aber bestimmter Glaube an besondere Lehren?"