Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 abstehen, den Finger auf die schmerzlichen Wunden zu legen, die uns bei allen Völkern, unter denen wir Juden leben, und mit denen wir uns so gerne in Frieden und Liebe auseinandersetzen möchten, die intolerante Zurücksetzung und der brutale Haß einzelner keineswegs schwacher Parteien geschlagen haben. Wem galten diese Anfeindungen eigentlich? Dem jüdischen Stamme? — Der jüdischen Religion? — Vorwiegend wohl jenem, immerhin aber auch dieser. Das weitaus gefährdetere Gut ist jedenfalls der Stamm, zugleich aber auch das weitaus geringwertigere. Das richtige Erkennen der ersteren und das völlige Verkennen der letzteren Thatsache hat dahin geführt, daß der weitaus größere Teil der Juden, die ans Rettung bedacht sind, vor allem den jüdischen Stamm. — die jüdische Nation als solche zu erhalten streben, mit andern Worten: daß die Zahl der Zionisten weit größer ist, als die Zahl der Reformjuden. Dies ist eine traurige, aber leider nur allzuwahre Thatsache; man darf sich auch nicht verhehle», daß die entsetzliche Reaktion, welche sich Zionismus nennt, die Ausgeburt eines verzweifelten, allerdings namentlich in Oesterreich, — dem Hauptsitz der Bewegung — leider nicht ganz unberechtigten Pessimismus ist. — Unter anderem hat namentlich das unglückselige Ereigniß der letzten Jahre: jene endlose „Affaire Dreyfus” die zionistische Bewegung befördert und sehr viele Juden von neuem mit der Sehnsucht erfüllt, sich auf der geweihten Zionsstätte zusammenzuthun zu einem großen, einheitlichen stammesjüdischen Volke, ohne allzuängstliche Berücksichtigung des religiös-jüdischen Empfindens, oder auch nur der äußerlich jüdischen Konfession des einzelnen Stammesjuden. Diese Auffassung, — dieses Bekenntnis, — der Zionisten, daß es die Stammesangehörigkeit sei, die den Juden zum Juden mache, war von vornherein Wasser auf die Mühle der Antisemiten. Die Übereinstimmungen zwischen Zionisten und Antisemiten bezüglich Lösung der Judenfrage ist eine eriviesene. Man höre nur einige Thesen, die ein Antisemit: Dr. Giese in seinem Referat über die Judenfrage, welches er auf dem Parteitag der deutsch-sozialen Reformpartei in Hamburg (9. bis II. September 1899) erstattete, zu Grunde legt: „Nuraus der Einsicht, daß ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dem Judenvolke und allen anderen Völkern in sittlicher und allgemein geistiger Beziehung besteht,--kann der feste Wille zur Abwehr des Judentums entspringen." „Die zionistischen Bestrebungen sind eine Frucht der antisemitischen Bewegung. Sie enthalten das Bekenntniß zu der so oft verleugneten Zusammengehörigkeit aller Juden. Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Zionisten, irgendwo auf dem Erdball ein modern-jüdisches Reich zu errichten, verdienten nur dann Unterstützung, wenn Sicherheit geboten würde, daß wirklich alle Juden gen Neu-Zion ziehen. Das erscheint leider ausgeschlossen." Mit diesem letzten Satze hat der Antisemit Gott sei Dank recht.