Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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163 Grnil Lehmann. Motto: Um meiner Freunde und Genossen willen rufe ich Dir einen Friedensgrnß zu: um unseres Gotteshauses willen wünsche ich Dir ewiges Heil! Psalm 122. Ein um die israelitische Religionsgemeinde zu Dresden sowie um alle deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens hochverdienter Verteidiger des Rechts, der Gewissens- und Gedankenfreiheit, der hochbegabte Denker und Dichter EmilLehmann würde am 2. Februar 1899 im Kreise zahlreicher Verehrer seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert haben, hätte nicht durch Gottes unerforschlichen Ratschluß die irdische Laufbahn des noch rüstigen Geisteshelden am 25. Februar 1898 einen unerwarteten Abschluß gefunden, bevor die von dem Psalmisten angedeutete Lebensgrenze erreicht war. Wenn der Verlust, den weite Kreise dadurch erlitten, noch immer tief empfunden wird, wirkt doch tröstend und erhebend der Gedanke: „Er war unser und lebt fort in seinen Werken!" Unbestritten sind die Verdienste, welche er sich um die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden in Sachsen, um den engeren Zusammenschluß aller jüdischen Gemeinden in Deutschland, um zahlreiche deutsche und jüdische Einrichtungen erworben hat. Diese Leistungen wurden selbst von denen dankbar anerkannt, welche seine Auffassung der religiösen Entwickelung des neuzeitlichen Judentums bekämpfen zu müsse» glaubten. Von jener Seite sind wiederholt die freisinnigen Schriften, in welchen er diese Auffassung darlegte, scharf bekämpft worden als Versuche, die Schranken niederzureißen, welche einst zur Wahrung des Glaubens von frommen Lehrern der Vorzeit aufgerichtet wurden. Aber auch in diesen vielfach angefochtenen Schöpfungen gab Emil Lehmann Charaktereigenschaften kund, welche Bewunderung verdienten und in weiten Kreisen erwarben: Mannesumt, Freiheitssinn, Wahrheitsliebe und Offenheit; auch in diesen Schriften offenbarte sich mir das wohlgemeinte Streben, den von äußeren Hüllen losgeschälten Kern des Judentums zu erhalten und für die ganze Menschheit nutzbar zu machen. Bemühten sich die alten Weisen, hohe Schntzwälle rings um das Judentum zu errichten, um es vor dem Untergange zu bewahren, so schwebte dem fortschrittfreundlichen Feuergeiste Emil Lehmann's der Rat Schiller's vor: „Legt diese Rüstung ab; sie macht Euch kenntlich und beschützt Euch nicht!" Nicht aus übermütiger Neuerungssucht, nicht aus Vorliebe für fremde Formen, nicht aus reformatorischem Ehrgeiz beschäftigte er sich mit dogmatischen und rituellen Dingen, sondern aus aufrichtiger Liebe zum Judentum, dessen Fortbestand er durch zeitgemäße Reformen zu sichern glaubte, und aus wahrem Patriotismus, der ihn wünschen ließ, seine Glaubensgenossen immer fester im deutschen Vaterlande Wurzel fassen zu sehen. In großen Dingen ist schon