Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen (Math. 5, 17); im Gegenteil ermahnt er seine Gläubigen: Suchet in der Schrift, denn Ihr meint, Ihr habt das ewige Leben darin, und sie ist's, die von mir zenget (Joh. 5, 39). Es giebt keinen einzigen Ausspruch im Alten Testament, der den Bekennern Mosis' Haß oder Feindschaft gegen andere Menschheit predigt, wohl aber giebt es zahlreiche Stellen, die Menschenliebe als Gottes Wille darstellen. — Wahrlich, unabsehbar sind die schmerzlichen Folgen fürs öffentliche und häusliche Leben bei solch' gehässigen Reibungen verschiedener Staatselemente. Die kindliche Unschuld kennt nicht den Haß der verderbten Welt. Der Judenknabe nähert sich in schüchterner Einfalt dem Christenknaben, und wird von diesem bereits mit verachtender Gehässigkeit zurückgestoßen. O, wie entsetzlich, wenn die heilige Unschuld einer Kinderseele den tausendjährigen Fluch der Väter erleiden muß. Der israelitische Jüngling ringt vergebens, durch einen seelenvollen Aufschwung sich allgemeine Anerkennung zu verschaffen. Bei allen Früchten seines Fleißes, bei der schönsten geistigen Entfaltung, bei aller Bewunderung, die man ihm zollen muß, kann er doch niemals Liebe gewinnen. „Er ist ein Jude!" — Das Wort mit beschimpfender Betonung ausgesprochen, verleiht seiner glühenden, rein menschlichen Begeisterung für alles Wahre und Schöne einen schwermütigen Anstrich. — Um Himmelswillen! Brüder und Schwestern wie soll das enden?! Soll eine tausendjährige Schmach noch fort und fort andere Jahrtausende hindurch leben? Ist nicht das Christentum schon lange genug gebrandmarkt worden dadurch, daß es die Wiege des Christentums, nämlich das Judentum, mit Haß und Verfolgung belegte? Wie lange noch sollen wir durch unduldsames Betragen den Namen Jesu Christi schänden? Hätten wir denn vergeblich das alte Testament zur Grundlage des Neuen aufbewahrt? Sollte unsere Jugend die biblischen Geschichten und Lehren des Alten Testamentes nur deshalb erlernt und sich mit den israelitischen Altertümern nur deshalb befreundet haben, nicht um das Reich Gottes in seiner Verheißung zu schauen und zu verehren, sondern um es in seiner späteren Gestaltung hassen zu lernen? Wird denn dieser unglückselige Haß, wird denn dieser entehrende Fluch niemals begraben werden? O, lernet sie doch kennen, die Israeliten, in ihrer geschichtlichen Bedeutung!^ Lernet mit Euren Kindern noch einmal die biblischen Geschichten und leset das Alte Testament mit heiliger Andacht! Staunen und Ehrfurcht wird Euch ergreifen, wenn Ihr dieses dreitansendjährige Bild eines unglücklichen Volkes betrachtet. Ja, lernet sie kennen, nicht aber diesen oder jenen Einzelnen, denn der Einzelne ist nicht das Volk, lernet sie kennen in der Gesammtheit. Dann werdet Ihr sie liebgewinnen; Ihr aber müsset die ersten Schritte zur Versöhnung thun, Ihr habt den Haß genährt, Euch komnit es zu, mit Wort und That, Vertrauen und Zuneigung anzuknüpfen. Den eingefleischten Religionsstolz müsset Ihr brechen und durch Zergliederung des Hasses seine Unhaltbarkeit beweisen. Ihr zumal, als evangelische Christen, die Ihr das Christeutum mit selbsteigener Kraft ans seinen Quellen, nämlich aus dem Alten und Neuen Testament schöpfen sollet,