Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Berliner Gesellschaft, die den Bemühungen von Moses Mendelssohn ihre Erfüllung mit deutscher Kultur und Bildung verdankte und vor allem für Göthe schwärmte. Allein, je mehr die Romantik christlich und kirchlich wurde, desto mehr wurde sie antisemitisch. Namentlich zeigte sich das in der deutschen Burschenschaft mit ihre» christlich-germanischen Anschauungen und Lebensformen, und so konnte, wie heute wieder, so damals schon die Frage aufgeworfen werden, ob Juden in die Burschenschaft Aufnahme finden können. In gelegentlichen Ausbrüchen des Mob in verschiedenen deutschen Städten zeigte sich der Unwille des Volkes über den jüdischen Besitz, der durch das geschicktere, sparsamere und nüchternere Wesen der Juden den Vorsprung gewann, bei Vielen aber allerdings auch auf skrupelloserer und vor Wucher nicht zurückschreckender Geschäftsgebahrung beruhte. So traten da schon zwei Motive der antisemitischen Bewegung, das religiöse und das wirtschaftliche, deutlich zu Tage, während das nationale selbst bei der Burschenschaft mit ihren „teutschen" Tendenzen noch fast ganz ausgeschlossen blieb. Die Romantik war antisemitisch geworden; im Mittelalter hatte man die Juden ja auch verfolgt. Um so selbstverständlicher, daß das junge Deutschland judenfreundlich dachte, wenn wir auch davon absehen, daß Börne und Heine Juden waren; das junge Deutschland im Allgemeinen aber um ihrerwillen als eine jüdische oder von Juden geleitete Koterie anzusehen, ist schon früher als falsch zurückgewiesen worden. Das Philosemitische in ihm hängt mit seinem Liberalismus, seinem Eintreten für alles zusammen, was Emanzipation heißt. Das Jahr 1848 brachte ihnen noch, was sie wünschten, die volle bürgerliche Gleichberechtigung, die nicht nur in die deutschen Grundrechte ausgenommen wurde, sondern selbst in der preußischen Verfassung eine Stelle fand. Die Versuche der reaktionären Partei in Preußen, sie ihnen in den fünfziger Jahren wieder zu entziehen, scheiterten, nur auf dem Verwaltungswege konnten ihnen die prinzipiell zugestandenen Rechte im einzelnen Fall verkümmert werden. Unter Kaiser Wilhelm I. fielen namentlich in der liberalen Aera der siebziger Jahre auch diese Beschränkungen von Fall zu Fall weg, im Parlament machte sich Laskers Einfluß nach dieser Seite hin geltend. Leonhardt als Justizminister, Falk als Kultusminister trugen kein Bedenken, Juden in ihren Ressorts anzustellen, unb auch Bismarck galt, schön wegen seiner Beziehungen zu Bleichröder, für judenfreundlicher, als er es vielleicht thatsächlich war. Allein die Keime zu einem neuen Umschwung reichen eben in jene Zeit zurück. Im Zusammenhang mit dem Sieg und dem Fünf-Milliarden Segen kam der gewaltige Aufschwung der Industrie auf der einen und auf der andern Seite das Spekulationsfieber der Gründerperiode mit ihrer wahrhaft erschreckenden Korruption. Auf der andern Seite darf aber auch nicht vergessen werden, daß es im preußischen Landtag der Jude Lasker war, der 1873 in jener großen Rede zuerst mutig den Finger in diese Eiterbeule legte und den Reinigungs- und Gesundungsprozeß dadurch energisch eiuleitete.-