Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 140 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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140 Zum Nachfolger des verstorbenen Oberrabbiners Tal wurde Herr Dr. G. Lewenstein aus Leenwarden als Oberrabbiner von Haag gewählt. — Am 24. März wurde in dem etwa 20 Minuten von Leyden entfernten Dorfe Rijusburg das kleine Haus, in dem der Philosoph Benedict Spinoza von 1661—1663 nach der Ueberlieferung gewohnt hat, für das Publikum nach Abhaltung einer passenden Feierlichkeit zur Besichtigung geöffnet. Daß Spinoza gerade in dieses Dorf sich zurückgezogen hat, war die Folge seiner Verbannung aus Amsterdam, denn der große Philosoph war nicht nur bei seinen eigenen jüdischen Glaubensgenossen verhaßt und von ihnen gemieden, sondern auch die strengen Calvinisten sahen in ihm eine Offenbarung der Hotte,- das Häuschen, das er hier bewohnte, gehörte ursprünglich einem Frauenkloster, das aber während der Reformation aufgehoben wurde und nach dem Tode der letzten Aebtissin (1620) in den Besitz der Familie des großen Jan de Witt überging. Es ist deshalb nicht unmöglich, daß der auf freisinnigem Standpunkte stehende Ratspensionär dem großen Denker sowie andern „Collegianten" hier eine Freistätte geboten hat. Da das Testament Spinozas noch erhalten ist und ebenso das notariett beglaubigte Verzeichnis seiner Nachlassenschaft, so konnte in dem Häuschen auch Attes wieder in dem ursprünglichen Zustand hergestettt werden, in dem Spinoza es bewohnt hat. An dem Giebel befindet sich eine Inschrift des Inhalts, daß der Unverstand der Menschen die Erde, die ein Paradies sein könnte, zur Hötte mache; im Innern sieht man zunächst den Bücherkasten, der Spinoza's Bibliothek, meist hebräische Bücher, barg, dann den Schreibtisch, dessen sich der Philosoph bediente, und ebenso soll hier auch das Werkzeug, mit dem Spinoza als Brittenschleifer seinen Unterhalt verdiente, einen Platz sinden. Die Festrede hielt der Professor der Philosophie an der Universität Leyden, Bottand, der sein Leben und seine philosophische Bedeutung in kurzen, kräftigen Ziigen schilderte; interessant dabei war die Darstellung des Standpunktes, den spätere Philosophen: Leibnitz, Kant, Herder, Jakobi, Schetting und Hegel dem Spinozismus gegenüber einnahmen. Der Bauquier G. Rosenthal in Amsterdam hat das Häuschen vor einigen Jahren gekauft, im Stile des 17. Jahrhunderts restauriren lassen und es dem Verein „Spinozahaus" geschenkt. — Der Zar hat eine sehr wichtige Entscheidung getroffen, welche den russischen Juden vielleicht einen Weg zur Verbesserung ihrer Lage eröffnen kann. In Elisabethgrad befinden sich zwei Gruppen von jüdischen Familien, welche, da es ihnen sehr schlecht geht, sich an den Zar mit einer Petition wendeten, um die Erlaubnis auszuwirken, eine Ackerbaukolonie einznrichten. Die eine Gruppe besteht aus 70 Familien, die andere aus 40. Vor einiger Zeit wurde nun den Wortführern beider Gruppen von den Behörden eröffnet, daß der Zar ihre Bitte genehmigt und die Verfügung erlassen habe, daß im Gouvernement Jekatarinoslaw eine jüdische Ackerbankolonie für 160 Familien eingerichtet werden darf. Da die sämmtlichen jüdischen Familien, die dafür in Frage kommen, außerordentlich arm sind, so haben dieselben einen Herrn Leviski als ihren Bevollmächtigten nach Petersburg geschickt»