Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 Dann sprach der Redner von der ersten Ankunft von Juden in der holländischen Kolonie Neu-Amsterdam dem heutigen New-Jork. Er hob hervor, daß Peter Stuyvesant im Namen der ersten Ansiedler nach Holland schrieb und verlangte, daß den Inden der Zutritt zu der neuen Kolonie verwehrt würde. Die Antwort, die er erhielt, war der Toleranz Hollands würdig, denn sie lautete, daß sein Verlangen mit der Vernunft und der Gerechtigkeit unvereinbar sei. Zunächst übte zwar diese Antwort noch keine Wirkung aus. Auf dem Boden New-Aorks, des ersten Staates, der volle Religionsfreiheit gewährt und zur Durchführung gebracht hat, wurden im 17. Jahrhundert die Juden noch heftig verfolgt. Eine Anzahl jüdischer Ansiedler von Neu-Amsterdam sah sich daher 1657 veranlaßt, vor den Verfolgungen Stuyvesants zu weichen und nach dem eben aufblühenden Newport überzusiedeln, wo Roger Williams damals als Pionier der Religionsfreiheit in Amerika wirkte. Gleich nach der Revolution hatten die Juden, selbst unter der Verfassung der Vereinigten Staaten, noch nicht das Recht, ein staatliches Amt zu bekleiden. Im Staate Maryland z. B. konnte noch bis 1825 keiner zu einem Staatsamte gelangen, der sich nicht zum christlichen Glauben bekannte. Jetzt giebt es nur noch zwei Länder in Europa, in denen die bürgerlichen Rechte der Juden beschränkt sind: Rußland und Rumänien. Diese haben aber mehr Inden als alle übrigen Länder Europas zusammen. Daß die Juden trotz aller Verfolgungen, die sie erduldet haben, noch weiter bestehen und viel zahlreicher sind als früher, steht in vollem Einklang mit dem Naturgesetz, daß eine überlegene Race nicht durch eine tieferstehende aufgesogen oder vertilgt werden kann. Der Redner ging sodann auf den oft mit Unrecht bemängelten Patriotismus der Juden über und zeigte, daß die Juden in allen Ländern, wo man ihnen nur die Möglichkeit dazu gewährte, ihre Vaterlandsliebe aufs schönste bekundet haben. „Immer und überall, wo die Juden in ihrem Lande einen Freund fanden, hat das Land Freunde an ihnen gefunden." Als die größten „Judenhetzer" in der Welt bezeichnet der Vortragende die Deutschen. Den Grund, weshalb dieses gelehrteste Volk Europas den Juden so feindlich gegenübersteht, erkennt er darin, daß der Jude im Allgemeinen mehr Geld besitzt, bessere Pferde hält und schöner eingerichtete Wohnungen hat als seine Nachbarn. „Das ist die Grundlage des antisemitischen Vorurteils in Europa." Friedrich Wilhelm III. von Preußen hatte den Juden seines Landes erst dann Gleichberechtigung erteilt, als seine jüdischen Unterthanen mit gleicher Tapferkeit wie die christlichen dem Rufe ihres Königs gefolgt waren. Was war der Dank für ihre Aufopferung? Nach Beendigung des Krieges wurde ihnen der Zutritt zu öffentlichen Staatsämtern von Neuem versagt. Auch in den neu erworbenen, vormals französischen Gebietsteilen Preußens wurden die Juden in ebensolcher Weise behandelt.