Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 19 (1899)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1899)
- Date
- 1899-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Meber den Trop?) Von Hermann Zivi, Cantor der Synagogen-Gemeinde Elberfeld. Ebensowenig wie die Musik, ist die Notenschrift die Erfindung eines einzelnen Mannes oder eines Volkes, sie ist vielmehr wie die Kunst selbst, wie Sprache und Gesittung ein Produkt organischer Entwicklung. Man darf deshalb nicht glauben, die alte Notenschrift sei eine im modernen Sinne vollständige gewesen, ausgerüstet mit allen Arten von Zeichen, um die Töne nach Höhe, Dauer und Dynamik zu fixiren und so die Intervalle, den Rythmus und vielleicht gar den Takt einer Melodie anzugeben. Diejenigen Völker, welche sich am einzelnen Tone und seiner Naturgewalt ergötzten, unterließen es überhaupt, ihn in besonderen Zeichen auch dem Auge zugänglich zu machen- Ganz getreu dieser Anschauung waren es die Griechen, welche zwar mit ihren Buchstaben den Ton zum Gegenstände verständiger Spekulation machten und so ein ganzes Tonsystem entwickelten, die aber trotzdem noch lange kein Bild von dem Gange ihrer Melodien zu geben vermochten. In Bezug auf die Musik des jüdischen Altertums muß das um so mehr zutreffend sein, weil von dieser Seite her keine Silbe davon spricht, daß auch nur ein Minimum jener Kunstgattung in spekulativer Weise zur Erörterung gelangt wäre. Und was speziel den sogenannten Trop betrifft, so dürfte es in Anbetracht vorerwähnter Thatsache bald einleuchtend erscheinen, daß wir in den Häckchen, Ringchen u, s. w. der hebräischen Schriftpunktation nicht die Notenschrift der altjüdischen Musik zu erblicken haben, denn um melismatische Figuren darzustellen — und um solche kann es sich bei der gebräuchlichen musikalischen Ausführung des Trop nur handeln — sind es die Intervalle der vollständigen Tonleiter, die in den Vordergrund der Operation treten. Es ist wohl unzweifelhaft, daß kein Volk der Erde zuerst die Intervalle der Tonleiter unterscheiden lernte, sondern erst und sehr allmählig die des Accordes. Dem ungeschulten Ohre wird es leichter, die weiteren Intervalle der Quint und der Terz zu unterscheiden, als die engeren der Sekunde; auf diesem Standpunkt müssen wir uns zunächst alle Völker des Altertums denken. Bei der eigentümlich engen Beziehung, in welche Grundton und Quint von Natur aus gebracht sind, ist anzunehmen, daß diese beiden Intervalle die ersten waren, welche aus der unendlichen Reihe der möglichen und bisher noch ungeschiedenen Töne sich absetzten. Das nächste war, dies Intervall zu teilen und man kam auf die Terz und zwar auf diejenige, welche auch ungeschulten Sängern nächst der Quint bequem ist, auf die große Terz. Dies Intervall ließ sich wieder teilen, und so kam man auf das Intervall der großen Sekunde. Die andere Hälfte der geteilten Quint, die kleine, obere Terz ließ sich nicht so bequem teilen und *) Gesangsweise