Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1898-12-01 · Heft 12 (1.12.1898) · p. Seite 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
18 (1898)
Issue
Heft 12 (1.12.1898)
Date
1898-12-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2969669-2969851-2969864--5548-2974854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

266 die Welt, die diesem „Sohn des Alters" zweifellos die so wohlverdiente begeisterte Aufnahme bereiten wird. Lazarus' Geburtstag und das gleichzeitige Erscheinen der „Ethik des Judentums" bringt mir fast unwillkürlich die geflügelten, schon auf mehrere epochale Größen des Judentums angewendeten Worte in den Sinn: „Von Mose bis Mose erstand keiner wie Mose." Denn thatsächlich hat die Litteratur des Judentums, trotz des gewaltigen Umfanges, zu dem sie besonders in unserem Jahrhunderte angewachsen und trotz all der überaus edlen und kostbaren Blüten, die sie getragen, seit der Bibelübersetzung Mendelssohns kein Geistesprodukt aufzuweisen, das in seiner Eigenart, seiner epochalen Bedeutung, seinem innern Werte und sicherlich auch in seinem äußern wissenschaftlichen Erfolge der Lazarus'schen „Ethik des Judentums" an die Seite zu stellen wäre. Wer in dieser;ciuf den ersten Blick vielleicht kühn erscheinenden Behauptung nur den Ausdruck der Begeisterung des Schülers für seinen greisen Lehrer und Gönner erblickt, dem kann ich nur mit dem bekannten Rufe der talmudischen Rabbinen entgegnen: „Gehe und siehe" gehe jeder und hole sich aus dem Werke selbst die unausbleibliche Überzeugung von der Wahrheit meiner Worte. Kurz sei hier nur noch eine Skizzierung des reichen Inhaltes des vorliegenden Bandes versucht. Dieser zerfällt in zwei Abschnitte, von denen der erste in 174 §§ „die Grundlegung der Sittenlehre", der zweite in 117 §§ „das Ziel der Sittlichkeit" behandelt. Lazarus genießt als Gelehrter und Philosoph einen unbestrittenen Weltruf; daß aber nur ein solcher, der sich auch noch durch die gründliche Kenntnis aller Zweige der talmudischen und rabbinischen Litteratur auszeichnet, init der Aussicht auf wissenschaftlichen Erfolg an die Ausarbeitung eines solchen Riesenwerkes, wie es die Darstellung der Ethik des Judentums ist, gehen konnte, wird uns sofort klar, wenn wir mit Lazarus im I. Capitel all die mannigfaltigen Quellen der Ethik des Judentums aufsuchen und betrachten, Quellen, die zum großen Teile nur er entdecken, nur er ausnützen konnte, und aus denen nur er, trotz ihrer Systemlosigkeit ein selbständiges System der Ethik herausschälen und darstellen konnte. „Man muß sich ausschließlich in die wirklichen und eigenen Quellen der jüdischen Sittenlehre vertiefen, um das innere System derselben zu entdecken und darzustellen." (ib. § 12. S. 1l). Eben dieses direkte Schöpfen nur aus den eigenen Quellen, dieses peinliche Vermeiden aller fremden Muster, die Ausbeutung des nur dem psychologisch so geschärften Blicke eines Lazarus sich entrollenden Bildes des jüdischen Gesammtgeistes bilden die bezeichnendste und wertvollste Eigenart der Lazarus'schen Darstellung der Ethik, durch die sie nicht nur all ihre Vorgänger von Maimonides bis Fasset überragt, sondern auch für die spätesten Zeiten das vorzüglichste Muster bilden wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.