Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 18 (1898)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1898)
- Date
- 1898-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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traurige Lage ihres Volkes nahmen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zwei Männer sich zu Herzen, die auf außergewöhnlichem Wege Gelegenheit gefunden hatten, ihren Blick zu erweitern. Der eine war Mendelssohn, er erkannte, daß wenn jemals die Lage der Juden besser werden sollte, dies angebahnt werden müsse durch zwei Dinge vor allen, durch Verbreitung gesunder Kenntnisse unter den Juden, und durch Annäherung derselben an die Völker, unter welchen sie lebten. Demgemäß sammelte er eine kleine Schaar tauglicher Jünglinge um sich, hauchte ihnen seinen besseren Geist ein, und ließ sie dann suchen nach Wissen und verbreiten das Gefundene. Er erkannte ferner, daß um eine Annäherung an die Völker möglich zu machen, der erste unabweisliche Schritt dieser sein müsse, daß die Juden aller Orten ihre Landessprache gehörig lernten. Er übersetzte daher die Bücher Moscheh's und die Psalmen ins Deutsche, damit seine vaterländischen Glaubensbrüder Deutsch aus ihnen lernten. Mendelssohn wurde für beides verketzert, aber seinen Zweck erreichte er, viele Juden lernten wirklich aus ihnen ihre Muttersprache reden und viele Juden bekamen einige bessere Kenntnisse. Gleichzeitig forderte Wessely, angeregt durch ein wohlwollendes Gesetz des Kaisers Joseph, die österreichischen Juden dringend dazu auf, Schulen anzulegen und Deutsch zu lernen; er wurde dafür in den Bann gethan, lvie früher auch Maimonides, und doch schöpfen nun schon sieben Jahrhunderte aus seinem Born; aber leinen Zweck erreichte Wessely, viele Schulen wurden angelegt, viele vorhandene verbessert. Etwas aber, was Mendelssohn und Wessely nicht bezweckt hatten, kam ebenfalls: in den deutschen Büchern, die nun gelesen wurden, und in dem Umgänge mit Deutschen, der jetzt wenn auch erst spärlich begann, lernten die Juden einen Geist kennen, der mit ihrer hergebrachten Religionsübung im grellsten Widerspruche stand; von ihm durchdrungen, fanden viele von ihnen bald diese bald jene jüdische Ceremonie lächerlich, schämten sich ihrer, unterließen sie, und wurden nicht bloß „Gojim", sondern auch Spötter,, um zu zeigen, wie „aufgeklärt" sie seien- Viele von Diesen mögen harten Tadel verdient haben, aber gewiß nicht alle, ohne Zweifel gab es unter ihnen auch nicht Wenige, welche religiös fühlten, aber keine Ahnung davon hatten, daß das Judentum noch in etwas Anderem bestehen könne als in gedankenloser Uebung von Gebräuchen; ihr unjüdisches Leben, ihr Spott war häufig daraus hervorgegangen, daß sie das Judentum nicht kannten und am Judentum verzweifelten; an eine Reform wurde in dieser ersten Periode noch nicht gedacht. Eine zweite Periode folgte schnell der ersten, ein großer Teil Deutschlands kam unter französische Herrschaft, der Rest wenigstens unter französischen Einfluß, dort wurden die Juden sogar Bürger, und benahmen sich freilich sehr unbeholfen in ihrem neuen Bürgertum, viele aber legten sich nun darauf, statt Hochdeutsch Französisch zu parliren, und folgerecht die jüdische Religion, von der sie keinen Begriff hatten, statt mit schwerfälligem deutschen Spott nunmehr mit französischer